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     dc:title="&#220;berfahrt von Kokura nach Simonoseki und Aufenthalt daselbst."
     dc:creator="v. Siebold, Philipp Franz"
     dc:contributor="Rost, Oliver; Unterstein, Stefan"
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     dc:subject="Siebold, Nippon, Japan, Jedo, Edo, Tokyo, Kokura, Simonoseki"
     dc:description="Philipp Franz v. Siebold. Nippon. Geographische Forschungen und Reisen. Reise nach dem Hofe des Sj&#244;gun im Jahre 1826. &#220;berfahrt von Kokura nach Simonoseki und Aufenthalt daselbst."
     dc:date="2004-01-10"
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     dc:source="Philipp Franz v. Siebold: Nippon. Archiv zur Beschreibung von Japan und dessen Neben- und Schutzl&#228;ndern Jezo mit den s&#252;dlichen Kurilen, Sachalin, Korea und den Liukiu-Inseln. W&#252;rzburg und Leipzig: Verlag der K.u.K. Hofbuchhandlung v. Leo Woerl 1897 (2. Aufl.)"
     dc:coverage="Japan, Edo, Kokura, Simonoseki, 1826"
     dc:rights="Copyright &#169; 2002-2004 ff. Oliver Rost, Stefan Unterstein -- All rights reserved. GNU Free Documentation License."
     />
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<cmd name="title"><arg>Überfahrt<cmd name="\"/>von Kokura nach Simonoseki<cmd name="\"/>und Aufenthalt daselbst</arg></cmd>
<cmd name="author"><arg><cmd name="textsc"><arg>Philipp Franz v. Siebold</arg></cmd></arg></cmd>
<cmd name="date"><arg>1823<ent:ndash/>1830 in Japan / <ent:sup2/>1897 &CMD.dlq;Nippon&CMD.drq;</arg></cmd>
<cmd name="maketitle"/>

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    <xhtml:img src="PFvSiebold2.jpg" alt="v.Siebold; Kreidezeichnung von Joseph Schmeller, Weimar am 16. Mai 1835" title="Kreidezeichnung von Joseph Schmeller, Weimar am 16. Mai 1835" width="200" height="240"/>
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<cmd name="centerline"><arg><cmd name="textbf"><arg>Das vollständige Kapitel I.2.3 aus &CMD.dlq;Nippon&CMD.drq;</arg></cmd></arg></cmd>

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    <cmd name="emph"><arg>Nippon. Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen. (<ent:hellip/>)
    2) Reise nach dem Hofe des Sj<ent:omacr/>gun im Jahre 1826. (<ent:hellip/>) 3) Überfahrt von Kokura nach Simonoseki und Aufenthalt daselbst.</arg></cmd>
    <cmd name="\"/>
    In:
    <cmd name="newline"/>
    <cmd name="textsc"><arg>Philipp Franz v. Siebold</arg></cmd> (1796<ent:ndash/>1866<ent:thinsp/>;
    Herausgegeben von seinen Söhnen): <cmd name="textit"><arg>Nippon.</arg></cmd>
    Archiv zur Beschreibung von Japan
    und dessen Neben- und Schutzländern Jezo
    mit den südlichen Kurilen, Sachalin, Korea und den Liukiu-Inseln.
    <ent:ndash/>
    Würzburg und Leipzig<ent:thinsp/>: Verlag der K.u.K. Hof&GER.nolig;buchhandlung v. Leo Woerl
    1897 (2. Auf&GER.nolig;l.; 2 Bde.)
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	<cmd name="centerline"><arg><cmd name="textsf"><arg>&lt;<xhtml:a href="index.html">index</xhtml:a>&gt; &CMD.ccolon; &lt;<xhtml:a href="#impressum" title="GNU Free Documentation License">copyleft</xhtml:a>&gt; &CMD.ccolon; &lt;<xhtml:a href="#impressum" title="Contact Contributors">email</xhtml:a>&gt;</arg></cmd></arg></cmd>
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<cmd name="subsection"><arg>Überfahrt von Kokura nach Simonoseki und Aufenthalt daselbst</arg></cmd>

<TeX>\renewcommand\abstractname{\textui{Übersicht}}</TeX>
<xhtml:style type="text/css"><![CDATA[ env[name="abstract"]:before {content: "Übersicht";} ]]></xhtml:style>

<env name="abstract"><TeX>\renewcommand{\baselinestretch}{1.1}\small</TeX>
<env name="itshape"><cmd name="noindent"/>
	Abreise von Kokura. <ent:ndash/> Blick auf das Städtchen Dairi. <ent:ndash/> Fahrt durch die Straße
	van der Capellen. <ent:ndash/> Hydrographische Untersuchungen. <ent:ndash/> Das Felsendenkmal
	Josibese. <ent:ndash/> Ankunft und Empfang zu Simonoseki. <ent:ndash/> Doktor Kosai. <ent:ndash/>
	Begrüßungsgeschenke in Naturalien<ent:thinsp/>; Heike-Krabben, <cmd name="beginpage" args="{106}"><arg type="xml"><xhtml:a href="SieboldN122.xml#pg105">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg106">106</xhtml:a><xhtml:a href="#pg107">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> Krebsaugen,
	Keulenschwämme. Meridian und Polhöhe von Simonoseki. <ent:ndash/> Tempel des Amida.
	Aussicht. <ent:ndash/> Die historischen Denkmäler des Hauses Heike. <ent:ndash/> Überfahrt nach Kap
	Hajatomo. <ent:ndash/> Peilungen. <ent:ndash/> Holländische Soirée bei Bürgermeister van den Berg;
	sein Kuriositäten-Kabinet. Ärztliche Konsultationen. <ent:ndash/> Der Kuinin und seine
	Wißbegierde. <ent:ndash/> Ausflug nach Danoura. <ent:ndash/> Der Japaner und die freie Natur. <ent:ndash/>
	Dissertationen und Diplome. <ent:ndash/> Ausflug nach Takesaki und Imaura, hydrographische
	Bestimmungen. <ent:ndash/> Mitteilungen über den Walfischfang. <ent:ndash/> Die Hofreisebarke. <ent:ndash/> Der
	Leibarzt von Futsiu. <ent:ndash/> Anempfehlung neuer Medikamente und des Kaffees. <ent:ndash/> Der Abschied
	von Simonoseki. <ent:ndash/> Ritter J.<ent:thinsp/>C. Blomhoff und der Fürst von Nakatsu. <ent:ndash/> Blick auf
	Simonoseki. <ent:ndash/> Beschreibung der Stadt.
</env>
</env>

<x>Die Versandungen an der Mündung des Siwagawa gestatten bloß kleinen Fahrzeugen, und
auch diesen nur bei hohem Wasser, bei Kokura ein- und auszulaufen. Heute, den
22. Februar, trat nach 12 Uhr die Flut ein. Wir verließen daher gegen Mittag
unsere Herberge und zogen mit unserm Gefolge und von einigen Offizieren des
regierenden Fürsten und unserem Wirte begleitet, nach dem Hafen, wo einige kleine
Fahrzeuge für uns bereit lagen.</x>

<x>Bei günstiger Witterung setzt man in gerader Richtung von Kokura nach Simonoseki
über, eine Entfernung von 3 Ri, welche man in einigen Stunden zurücklegt. Bei
stürmischem Wetter zieht man die kürzere und leichtere Überfahrt vom Städtchen
Dairi aus, das 2 Ri östlich von Kokura dicht am Strande liegt, vor. Es führt
eine Tannenallee dahin durch die Fischerdörfer Akasagamura und Sinmatsi <ent:ndash/> ein
sehr angenehmer Spaziergang. Auch Cock Blomhoff machte ihn 1818, stieg bei Dairi
in einem Lusthause des Fürsten von Kokura ab und unterhielt sich dort mit
seinen Reisegefährten bei einer Schale Sake.</x>

<x>Das Städtchen Dairi hat seinen Namen, der eigentlich den Mikado-Palast bezeichnet,
einem historischen Ereignis zu verdanken, das sich im Jahre 1185 zugetragen und
die Gegend von Kokura und Simonoseki berühmt gemacht hat. Deshalb besuchten
auch gewöhnlich die niederländischen Gesandten Dairi und benutzten die
Gelegenheit, ihre japanische Begleitung an einem so hoch gefeierten Ort zu
bewirten.</x>

<x>Der Japaner ist Enthusiast für sein Vaterland und stolz auf die Großthaten seiner
Ahnen<ent:thinsp/>; der gebildete wie der gemeine Mann hat eine unbegrenzte Anhänglichkeit
an die alte Dynastie der Mikados und hält viel auf den alten Kultus, die alten
Sitten und Gebräuche. Der Fremde empfiehlt sich daher ungemein, wenn er der
Volkstümlichkeit der Japaner schmeichelt, ihre Religion, ihre Sitten und
Gebräuche in Ehren hält und den Sagen der Vorzeit, den Lobpreisungen ihrer
vergötterten Helden geneigtes Gehör widmet.</x>

<x>Diese schwache Seite des Japaners kannten die alten Niederländer sehr gut und wußten
sie auszunützen. Auch wurden die Handelsbegünstigungen, welche in neuerer Zeit
H. D<ent:oelig/>ff und J.<ent:thinsp/>C. Blomhoff erwirkten, auf diesem einfachen Wege erlangt. Unser
Gesandter, Colonel de Sturler, handelte nach andern Maximen<ent:thinsp/>: Diesmal hatten
unsere japanischen Reisegefährten eine trockene Überfahrt.</x>

<x>Bereits vor unserer Abreise von Dezima hatte ich nach japanischen Karten und Wegweisern
eine Skizze des Kanals, welcher Kiusiu von Nippon scheidet, entworfen, in der
Absicht, diese bis jetzt so wenig bekannte, für die Geographie und Seefahrt
gleich wichtige Straße bei unserer Durchfahrt zu untersuchen. Dies war nun
meine heutige Aufgabe. Der Gefälligkeit unserer japanischen Begleitung, der
Mithülfe meiner Freunde zu Simonoseki und namentlich meinem unvergeßlichen
Gönner, dem Hofastronomen Takahasi Sakusajemon, habe ich es zu verdanken, daß
ich einige hydrographische Beobachtungen und einen ausführlichen Plan dieser
Straße mitteilen kann. 
<cmd name="beginpage" args="{107}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg106">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg107">107</xhtml:a><xhtml:a href="#pg108">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> 
&lt;Fig. 8. <cmd name="emph"><arg>Ansicht der Straße van der Capellen.</arg></cmd>&gt; 
<cmd name="beginpage" args="{108}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg107">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg108">108</xhtml:a><xhtml:a href="#pg109">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> Es sind dies die ersten Nachrichten, welche wir von
dieser seit mehr als zwei Jahrhunderten von Europäern besuchten Stelle der
japanischen Inseln erhalten. Die Ansicht der Straße ist auf Tab. 10 mitgeteilt.</x>

<x>Herr Bürger und ich hatten uns zu den Dolmetschern und Offizieren gesellt, welche
auf dem Vorderteil des Schiffes Platz genommen hatten. Erstere wußten nur zu
gut, was wir mit unseren Beobachtungen mittels des Kompasses und Senkbleies
beabsichtigten, stellten sich aber gegen den Kuinin, der sich von Amts wegen
nach unserer Beschäftigung erkundigte, recht unwissend und legten solche als
eine unschädliche Neugierde unsererseits aus. Auch der Kuinin begriff, was wir
verrichteten, begnügte sich jedoch mit diesem Bescheide, wodurch er einer
weiteren Untersuchung überhoben wurde.</x>

<x>Auskundschaftung des Landes, Nachforschung über Staats- und Kirchenverfassung, Kriegswesen und
andere politische Verhältnisse und Einrichtungen sind Fremdlingen aufs
strengste untersagt, und die schärfsten Gesetze verbieten den Unterthanen,
ihnen darüber Mitteilungen zu machen oder gar auf irgend eine Weise bei ihren
Nachforschungen behülf&GER.nolig;lich zu sein. Unsere japanischen Begleiter auf der Reise
nach dem Hofe werden zur genauen Beobachtung solcher Verordnungen eidlich
verpflichtet, und strenge genommen dürfen und können sie uns keinen Schritt
über die Schranken des buchstäblichen Gesetzes erlauben, ohne ihre eigene
Existenz aufs Spiel zu setzen. Diese Leute jedoch, welche durch die Berührung
mit gebildeten Europäern den Kreis ihrer politischen Ansichten erweitert haben
und nur zu gut die Engherzigkeit solcher Vorkehrungen von seiten ihrer
Regierung einsehen lernten, halten sich in den meisten Fällen bloß an die Form
des Gesetzes und sehen uns, wo es nur immer möglich ist, durch die Finger. Ohne
eine solche Nachsicht wäre dem Fremden auf Japan jede wissenschaftliche
Forschung rein unmöglich, denn streng genommen ist ihm jede Berührung mit Land
und Volk untersagt. Unser Kuinin hatte indessen seine Pflicht gethan, und die
Erklärung seiner Kollegen konnte ihm genügen und zur Beruhigung dienen.</x>

<x>Mittlerweile waren wir über die Bank gerudert, welche sich vor der Mündung des Siwagawa in
einem Halbkreise ausbreitet. Das Senklot zeigte stellenweise nur 1 Faden
Wasser<ent:thinsp/>; weiter in den Kanal hinein segelnd, fanden wir 3, 5, 7 und 8 Faden.
Jetzt waren wir ungefähr in der Mitte der Durchfahrt zwischen Kokura und der
Insel Hikusima und bekamen die SO.-Spitze von Simonoseki zu Gesicht, welche wir
mit der SO.-Spitze (Kap Kibune) von Hikusima N. 22<ent:deg/> O. peilten<ent:thinsp/>; im Westen
hatten wir die Nordspitze der unterhalb Kokura gelegenen Insel Kukinosima.
Längs dem Kap Kibune bemerkten wir Klippen, und vor uns lag in einer Entfernung
von einer halben Seemeile der Felsen Josibese mit einer Gedächtnissäule, welche
den Namen Josibe verewigt. So hieß ein Schiffer, welcher den berühmten Taiko
Hidejosi<ent:thinsp/><cmd name="fntextref" args="{1}"><arg type="xml"><xhtml:a id="FNmark1" href="#FNtext1">(1)</xhtml:a></arg></cmd> 
auf der Überfahrt hier in Lebensgefahr brachte und der verdienten
Strafe dadurch entging, daß er sich durch Leibaufschlitzen das Leben nahm.
Diese freiwillige Todesart, kühn und unmittelbar nach vollbrachter Missethat
ausgeführt, sühnt im Auge der Japaner die schwersten Verbrechen und bringt dem
Thäter Ruhm statt Schande. <cmd name="beginpage" args="{109}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg108">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg109">109</xhtml:a><xhtml:a href="#pg110">&gt;</xhtml:a></arg></cmd></x>

<x>Ein Windstoß brachte uns dem Felsen näher. Eine Menge Seevögel, meist Möven und
Seeraben, umschwärmten das Felsendenkmal, das eben von einer dunkeln Wolke
beschattet, aus der schäumenden Brandung hervorragte. Ein schauerlicher
Anblick, besonders wenn man daran die Sage knüpft, daß sich hier zeitweise der
Geist des hochherzigen Seemanns zeige.</x>

<x>Das Denkmal an sich ist äußerst einfach. Man sieht eine auf der Mitte des schroffen
Felsen ruhende, etwa 2,50 Meter hohe, viereckige Säule, mit einem vierseitigen,
pyramidenförmigen Aufsatz, ohne Inschrift (Abbildung Fig. 9). Ruderschiffe,
überhaupt kleine Fahrzeuge lassen den Josibese rechts liegen und halten auf das
niedrige, dicht mit Gebüsch bewachsene Inselchen Funasima (auch Ganriusima
genannt) an. &lt;Fig. 9. <cmd name="emph"><arg>Das Denkmal Josibese.</arg></cmd>&gt; Auf dieser Durchfahrt hat
man nicht über 3 Faden Wasser, und bei Funasima steht kaum 1 Faden. Zwischen
Josibese und dem Strande bei Dairi ist der Kanal tiefer, 6 bis 8 Faden. Größere
Fahrzeuge ziehen diesen Weg vor und lassen sich mit dem Strome, der bei der
Ebbe NNO. und bei der Flut in entgegengesetzter Richtung geht, durchtreiben.
Unterhalb des Josibese, zwischen dem Städtchen Dairi und dem Kap Kibune, ist
der Kanal am engsten und nicht über eine Seemeile breit. Wir wollen ihn den
Südkanal nennen, denn die Straße hat, wie wir später erfahren werden, noch
einen zweiten Ausgang, der von der Nordspitze von Hikusima und dem Kap Wotohana
unterhalb Simonoseki gebildet wird. Dieser, der Nordkanal, führt auf den
japanischen Karten den Namen Kosedo, d.<ent:thinsp/>i. kleiner Kanal<ent:thinsp/>; 
er <cmd name="beginpage" args="{110}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg109">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg110">110</xhtml:a><xhtml:a href="#pg111">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> ist kaum
eine Straße (etwa 114 Meter) breit und bloß für kleine Schiffe passierbar. Auch
geht da ein reißender Strom, und die Durchfahrt ist um so gefährlicher, da die
Küste von Hikusima voller Klippen ist.</x>

<x>Sobald man an dem Inselchen Funasima vorbeigerudert ist, erweitert sich der
Gesichtskreis, und die Küste von Buzen vereinigt sich gleichsam mit der von
Nagato und Hikusima zu einem herrlichen Panorama. Im Norden breitet sich die
freundliche Hafenstadt Simonoseki mit ihren tempelreichen Hügeln aus, und in
NO., wo das Vorgebirge Hajatomo den Eingang der Straße zeigt, schimmern die
rotbemalten Dächer der Kamihalle Mekarino jasiro. Den östlichen Strand, der
sich stufenweise bis zu dem Dairijama erhebt, schmücken niedliche Dörfer und
einzelne Fischerwohnungen, und im Westen unterbricht die felsige, zerrissene
Küste von Hikusima, im Hintergrunde von blauen Gebirgen der Landschaft Nagato
begrenzt, den Gesichtskreis. Ringsum tragen terrassenförmig angebaute Flächen
der Hügel und Bergabhänge das Gepräge alter Kultur, und weiß und blau
gestreifte Segel und zahlreiche Fischerkähne beleben den Spiegel des weiten
Seebeckens. Das &CMD.dlq;Kasin josi&CMD.drq;, der muntere Refrain einer japanischen Barkarole,
ertönt nahe und fern, und auch unsere Seeleute stimmen mit ein. Jetzt erschallt
das dumpfe Geläute des sich im NO. z.<ent:thinsp/>N. zeigenden Amida-Tempels <ent:ndash/> es schlägt
die vierte japanische Stunde, 2 Uhr nachmittags. Noch einige Ruderschläge, und
es öffnet sich der Eingang der Straße, den zwei kleine Eilande, Mansju und
Kansju, gleichsam als Piloten anzeigen. Mehr als zwei Jahrhunderte blieb diese
Straße unbeachtet von den Niederländern, welche sie auf jeder Reise nach Jedo
befahren haben. Doch von nun an soll sie ihnen ein Denkmal werden, und
Jahrhunderte möge an diesem schroffen Felsen der Ruf widerhallen<ent:thinsp/>: &CMD.dlq;Hier die
Straße van der Capellen<ent:thinsp/>!&CMD.drq;<cmd name="fntextref" args="{2}"><arg type="xml"><xhtml:a id="FNmark2" href="#FNtext2">(2)</xhtml:a></arg></cmd></x>

<x>Aller Aufmerksamkeit war nun auf die vor uns liegende Hafenstadt Simonoseki, Fig. 10,
gerichtet. Gruppen von Masten zeigen den Ankerplatz der japanischen Fahrzeuge,
während der Gesandtschaft die bei einer hohen Treppe auf dem Kai aufgepflanzte
niederländische Flagge den Ort verkündete, wo der Bürgermeister mit anderen
Freunden der Niederländer sie erwartete, um sie gastfreundlich in seine
Behausung einzuladen.</x>

<x>Während ihres Aufenthaltes zu Simonoseki wird die Gesandtschaft in der Wohnung eines
der beiden Bürgermeister beherbergt, die sich wechselweise in diese Ehre
teilen. Diesmal wohnten wir bei Sahosama, dessen geräumiges Hôtel sich in der
Straße Nabe matsi, dicht an dem Kai, wo wir ausgestiegen, befindet. Wir wurden
von dem Hausherrn und seiner Familie sehr freundschaftlich aufgenommen und
anständig logiert. Bald nach unserer Ankunft ließ sich bei dem Gesandten der
andere Bürgermeister anmelden <ent:ndash/> ein enthusiastischer Anhänger der Niederländer,
der sich als solchen gleich durch seine Visitenkarte ankündigte<ent:thinsp/>; denn sie
führte die Aufschrift<ent:thinsp/>: van den Berg.</x>



<cmd name="subsubsection"><arg>23. Febr.</arg></cmd> 

<x>Bereits in der Frühe besuchten mich einige meiner Schüler, darunter der
Arzt Kosai. Dieser junge Mann, welcher sich seit einiger Zeit auf die
holländische Sprache und das Studium der Medizin nach der europäischen Schule
verlegte, hatte, um sich unter der Leitung einiger meiner tüchtigsten Schüler,
namentlich des Arztes 
<cmd name="beginpage" args="{111}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg110">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg111">111</xhtml:a><xhtml:a href="#pg112">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> 
&lt;Fig. 10. <cmd name="emph"><arg>Ansicht von Simonoseki von Takesaki aus.</arg></cmd>&gt; 
<cmd name="beginpage" args="{112}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg111">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg112">112</xhtml:a><xhtml:a href="#pg113">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> Minato Tsj<ent:omacr/>an aus Jedo und Mima Zunz<ent:omacr/> aus der
Landschaft Awa und des gelehrten Dolmetschers Josiwo Gonoske auszubilden, im
vorigen Jahre sich zu Nagasaki aufgehalten und dadurch nicht unbedeutende
medizinische Kenntnisse gesammelt. Seit kurzem in seine Vaterstadt
zurückgekehrt, fand er hier an den Freunden der Niederländer, den Herren van
den Berg und van Dalen (so taufte heute Colonel de Sturler unseren Hospes
Sahosama) eine tüchtige Stütze und hatte gegenwärtig die ausgebreitetste Praxis
in der Stadt. K<ent:omacr/>sai und meine übrigen Schüler brachten mir nach Landessitte
Begrüßungsgeschenke, welche in einigen ihnen merkwürdig erscheinenden
Naturalien und sonstigen Erzeugnissen ihres Landes bestanden. Darunter befanden
sich eine seltene wilde Ente (Anas tadorna), Seekrabben (Dorippe callida, sima
und quadridens), Seepferdchen und Seenadeln und eine neue Art Flußkrebse
(Astacus Japonicus), nebst vielen getrockneten Pflanzen, Keulenschwämmen und
Mineralien. Alle diese Naturerzeugnisse waren in den Augen meiner japanischen
Freunde große Seltenheiten. Die Dorippearten hält das Volk für Metamorphosen
jener Helden des Stammes Heike, welche während eines Seetreffens bei Danoura im
Jahre 1185 hier in den Wellen ihr Grab gefunden<ent:thinsp/>; sie heißen daher auch Heike
gani, oder Heike-Krabben. Es gehört wirklich nicht viel Phantasie dazu, in den
symmetrischen Erhabenheiten und Eindrücken des Rückenschildes dieser Tiere
menschliche Gesichtszüge zu erkennen. (Vergl. Fauna Japonica, Crustacea, Tab.
XXXI, Fig. 1, 2, 3.). Krebsaugen sind ein bedeutender Artikel der Einfuhr in
Japan, und sie stehen oft hoch im Preise. Zu meiner Zeit schwankte der Preis
für das japanische Pfund (Kin) zwischen 12 bis 27 Gulden. Die Entdeckung eines
Flußkrebses, der dieses kostbare Mittel liefert, war also eine Sache von großer
Wichtigkeit für meine Schüler. Diese Crustacee kommt übrigens dort zu selten
vor, um das entdeckte Surrogat in hinreichender Menge zu liefern<ent:thinsp/>; häufiger soll
es sich in den Flüssen von Jezo, also im Norden des japanischen Reiches finden.
Auch in den Keulenschwämmen glaubten meine Freunde ein Wunder der Natur zu
sehen<ent:thinsp/>; sie wachsen nämlich auf toten, in Fäulnis übergegangenen Larven von
Insekten, besonders von Cicaden und Raupen und fassen so fest darauf Wurzel,
daß die ausgetrocknete Larve gleichsam mit dem Schwamme verwachsen zu sein
scheint. Sie sind unter dem Namen Kaso totsiu, d.<ent:thinsp/>i. im Sommer Pflanze, im
Winter Insekt, bekannt, und man hält sie für ein Mittelding zwischen Pflanze
und Insekt.</x>

<x>Mein Gegengeschenk bestand heute in einer guten Dosis Geduld, womit ich die Krankengeschichten
anhörte, welche einige meiner Schüler niedergeschrieben hatten und nun in
Beisein der Patienten ablasen.</x>

<x>Gegen Abend kam mein japanischer Maler Tojoske von Takesaki zurück, wohin ich ihn
gesendet hatte, um eine Ansicht vom westlichen Teile der Stadt Simonoseki
aufzunehmen. Das sehr gut gelungene Bild ist auf Fig. 10 mitgeteilt. Ich selbst
benutzte einen günstigen Augenblick und machte vom Thore unseres Gasthauses,
welches nach dem Hafen geht, einige Kompaßobservationen und fand das oben erwähnte
Städtchen Dairi S. 9<ent:deg/> W. und die Ostspitze von Funasima S. 21<ent:deg/> W. Diese beiden
Kompaßstriche führe ich absichtlich an, weil sie bei der Überfahrt zur
Bestimmung des Kurses dienen können.</x>



<cmd name="subsubsection"><arg>24. Februar</arg></cmd> 

<x>Günstiges Wetter zu Observationen. Wir nehmen morgens
Längeobservationen mittels des Chronometers und mittags die Sonnenhöhe. Eine
Reihe von 29 Observationen, welche wir heute und die fünf folgenden Tage
machten, ließ uns den Meridian der Stadt Simonoseki auf 130<ent:deg/> 52' 15'' ö.<ent:thinsp/>L.
und deren Polhöhe <cmd name="beginpage" args="{113}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg112">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg113">113</xhtml:a><xhtml:a href="#pg114">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> 
zu 33<ent:deg/> 56' 30'' n.<ent:thinsp/>B. bestimmen. Nach den
Beobachtungen der Japaner liegt Kokura unter 33<ent:deg/> 53' 30'' nördlicher Breite
und 130<ent:deg/> 50' östlich von Greenw. Die Entfernung der beiden Orte beträgt demnach
5' 15'', was mit der gewöhnlichen japanischen Angabe auf 3 Ri übereinstimmt;
es gehen nämlich 28 <ent:frac15/> Ri auf einen Grad zu 15 deutschen Meilen.</x>

<x>Für den Nachmittag wurde ein Spaziergang in Gesellschaft unsers Gastherrn nach dem
berühmten Tempel des Amida besprochen, und wir erhielten von unserem Kuinin die
Erlaubnis, von dort nach dem Kap Hajatomo, dem nördlichsten Punkte von Kiusiu,
überzusetzen, jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung, daß nichts davon in
dem Tagebuche des Gesandten erwähnt werde<ent:thinsp/>; denn es sei gegen seine (des Kuinin)
Instruktion, wenn er die ihm anvertrauten Niederländer ohne Anfrage und
besondere Erlaubnis auf das vom Wege abgelegene fremde Gebiet eines Fürsten
bringe. Diese Gefälligkeit hat später unserem Kuinin große Unannehmlichkeiten
verursacht. Unser Besuch zu Hajatomo erregte Aufsehen und wurde vom Fürsten von
Buzen so übel aufgenommen, daß, wie wir später erfuhren, unser braver Gastherr,
weil er als Magistratsherr (Tosijori) und wichtigste Amtsperson zu Simonoseki
uns dahin begleitet hatte, mit einem Jahre Hausarrest bestraft worden ist.</x>

<x>Unser Gesandter war mit seinem Gefolge und Herrn Bürger nach dem Tempelhof
vorausgegangen, während ich absichtlich mit dem Maler Tojoske und einigen
Schülern und Vertrauten zurückblieb, um Beobachtungen zur Bestimmung der
wichtigsten Punkte des Planes der Straße van der Capellen anzustellen. Dazu bot
sich auf der großen Steintreppe, welche zum Tempelhof führt, und von wo man
eine freie Aussicht auf die Straße und die Bai hat, die schönste Gelegenheit.</x>

<x>Der Amida-Tempel nebst einigen anderen Kapellen und dem Kloster liegt auf einer
Anhöhe am östlichen Ende der Stadt, und man gelangt dahin durch eine meistens
von Fischern und Landleuten bewohnte Straße, welche Amida-matsi heißt. Zwei
breite steinerne Treppen und eine schmale Stiege führen zum geräumigen
Tempelhof, worin der dem Amida geweihte Haupttempel, einfach von Holz erbaut
und mit einem Strohdache gedeckt, die Kapelle des Mikado Antok und einige
andere Mijas [Sinto-Tempel], das Kloster, ein Glockenhaus, Laternen und
Denkmäler stehen, überschattet von alten, hohen Tannen und Fichten,
Lorbeerbäumen, süßen Kastanien und immergrünen Eichen. Ein anmutiges Wäldchen
schließt sich dem Tempelhain an und zieht sich die im Hintergrunde desselben
gelegene Anhöhe hinan.</x>

<x>Vom Tempelhofe aus genießt man eine herrliche Aussicht auf die von Fahrzeugen
belebte Bai und die Gestade des Fürstentums Buzen, das mit dem Bezirke Kiku die
Nordspitze der Insel Kiusiu ausmacht. Die mit Klippen und Felsen besäte Küste
zieht von Dairi an in NO.-Richtung hin. Beim Dorfe Monsi oder Monsu liegt die
tiefe Bucht gleichen Namens. Die Landzunge läuft in das Vorgebirg Hajatomo aus,
welches mit dem gegenüber liegenden Kap Majeta den Eingang in die Straße van
der Capellen bildet. Es war gerade Flut, und die Ostsee stürzte mit reißendem
Strome herein, sich in SSW.-Richtung in den ruhigen Spiegel der Bai verlierend.
Kap Hajatomo peilten wir N. 83<ent:deg/> O. und Dairi S. 15<ent:deg/> W. Die Gegend zwischen
Dairi und Monsi, nicht mit Unrecht Kusawara, die Kräuterau genannt, ist in der
That eine reizende Landschaft. Uns gegenüber breitet sich das Dorf Monsi im
Hintergrunde der Bucht aus, und am Fuße des Vorgebirges erhebt sich auf
cyklopischen Felsenmauern die Kamihalle Mekarino jasiro, von alten Cedern und
immergrünen <cmd name="beginpage" args="{114}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg113">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg114">114</xhtml:a><xhtml:a href="#pg115">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> Eichen beschattet. Auf unserer Seite hatten wir zur
Linken die Fischerdörfer Danoura und Majetamura, welche sich längs dem Strande
hinziehen, und zur Rechten die Stadt mit ihren vielen mit Tempeln und
Tempelhainen geschmückten Hügeln. Einer dieser Hügel, der Kamejama, bildet
einen bedeutenden Vorsprung gerade an der Mündung des Mimosusogawa und gewährt
kleinen Fahrzeugen einen sicheren Ankerplatz. Auf diesem Hügel steht der
Kamihof des Hatsiman Daimj<ent:omacr/>zin, und am Fuße desselben, dicht an der See, ein
Wachthaus (Bansjo), wo Reisende und Schiffer, wenn sie kommen und gehen, ihre
Pässe vorzeigen müssen. Es beherrscht dieser Punkt die ganze Stadt, das
Flüßchen und die Bai.</x>

<x>Wir suchten nun unseren Gesandten auf und kamen noch zur rechten Zeit, um die
Heiligtümer und denkwürdigen Schätze des Tempels, welche in einem eigenen
Gebäude auf&GER.nolig;bewahrt werden, mit ihm zu besichtigen. Nachdem wir den Haupttempel,
worin man Amida verehrt, und die Kapelle Tsinzjuno mija, worin Pilger ihr Gebet
zum Hatsiman Mj<ent:omacr/>zin verrichten, besucht hatten, führte man uns in die Kapelle,
die dem Mikado Antoku heilig ist. Ein junger sehr gesprächiger Priester
enthüllte hier die Bildsäule des siebenjährigen Antoku, welche, mit zwei
anderen Statuen in Hoftracht zur Seite, hinter dem Vorhang auf einem Altare
stand. Er zündete Lampen und Räucherwerk an und las uns nun das tragische Ende
des Hauses Heike vor. In dem Successionskriege der Häuser Heike und Gensi
würden nämlich die Anhänger Heikes, welche die Sache des Antoku verteidigten,
zu Itsinotani in der Landschaft Setsu von Minamoto Jositsune geschlagen und von
Jasima, wo sie sich befestigt hatten, vertrieben, zogen sie sich mit dem jungen
Mikado bis in die Gegend von Kokura, wo jetzt das Städtchen Dairi liegt,
zurück. Hier und zu Akamagaseki, so heiß ehemals Simonoseki, legten sie
Befestigungen an, aber vom siegreichen Jositsune verfolgt, sahen sie sich
endlich genötigt, bei dem Dorfe Danoura dem Feinde die Spitze zu bieten. Die
Schlacht ging für sie verloren, und dem Fahrzeuge, worauf sich Antoku mit
seiner Pflegmutter Nijeno ama befand, ward die Flucht abgeschnitten, und die
Rettung des jungen Mikado war unmöglich. In diesem verzweiflungsvollen
Augenblicke sprang die heldhafte Nijeno ama, mit dem Prinzen in ihren Armen, in
die See unter dem Ausruf<ent:thinsp/>: &CMD.dlq;Durchs Meer will ich dich an einen Hof bringen, wo
man ewige Freuden genießt.&CMD.drqsp; Ihr folgten die treuen Diener, und alle ertranken
mit ihrem Oberherrn. Die Leichen des Mikado und seiner Getreuen wurden im
Tempelhofe des Amida bestattet. Antoku war der 81. Mikado, und die Schlacht bei
Danoura fand am 24. des dritten Monats im ersten Jahre Bundsi (1185) statt.</x>

<x>Diese denkwürdige Heldengeschichte illustrierte unser Cicerone mit den Abbildungen
der Helden, welche man rechts und links auf die Tapeten der Tempelwände
lebensgroß und mit grellen Farben, nach altjapanischer Schule gemalt sah. Es
waren ihrer sieben auf jeder Wand. Hierauf wurde unser Gesandter in einen Saal
rechts vom Tempel des Antoku geleitet, der gleichfalls mit altertümlichen
kostbaren Tapeten ausgeschmückt war, worauf die Geschichte Antokus in sieben
Scenen, ganz im Stile der bereits erwähnten Bilder, gemalt ist. Das erste Bild
stellte Antokus Geburt dar, das zweite die Schlacht im Bergpaß Itsinotani, das
dritte die Ansicht des Dairi oder Mikadopalastes auf Jasima, das vierte ein
Schiff der Heikepartei, das fünfte die Seeschlacht bei Danoura auf der Höhe der
Inselchen Kansju und Mansju, das sechste eine Ansicht der Stadt und Feste
Akamagaseki mit dem berühmten Kamihofe des Hatsiman auf dem Kamenojama und das
siebente die letzte Scene des Kampfes und <cmd name="beginpage" args="{115}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg114">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg115">115</xhtml:a><xhtml:a href="#pg116">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> das Ertrinken bei
Simonoseki. Nach Auslegung dieser merkwürdigen Geschichtsbilder wurden die
Reliquien und Seltenheiten, welche man hier bewahrt, vorgezeigt. An und für sich
und in Bezug auf alte Sitten und die Geschichte und frühere Bildung der Japaner
sind sie zu wichtig, um ihrer nicht mit einigen Worten zu erwähnen. Mit
ängstlicher Sorge in lackierten Kästchen bewahrt, und mit rotem, schwarzem und
purpurnem Seidenzeuge umwickelt, wurden sie feierlich enthüllt und zur
Bewunderung und Verehrung ausgestellt.</x>

<x>Die Stiftungsurkunden (Inrinsi) des Tempels von einem Mikado. Ein Gedicht auf den
Mikado Antoku vom berühmten Taiko Hidejosi. Das Heike monogatari, ein Epos auf
den Kampf und Sturz des Hauses Heike, und ein aus 32 Büchern bestehendes Werk,
worin die auf Befehl des Sj<ent:omacr/>gun zu Kamakura erlassenen Beschlüsse eingetragen
sind. Es führt den Titel Kamakura mi kj<ent:omacr/> sio. Eine Urkunde vom Sj<ent:omacr/>gun Asikaga
Takautsi und Handschriften von andern berühmten Männern. Auf Seide gemalte
Götterbilder, worunter Amida, Sjaka Niorai und der Kwanwon mit elf Gesichtern,
nebst andern Heiligen. Ein aus der See wieder aufgefundener Säbel des Mikado
Antoku. Ein Säbel von Noritsune, Fürsten von Noto, gleichfalls im Meere
gefunden. Schnüre vom Kriegsmantel des erwähnten Takautsi und eine Trinkschale,
ein Trinkglas und eine Krystallkugel des Helden Taiko Hidejosi.</x>

<x>Unsere Japaner, welche die Heiligtümer und Reliquien ihrer Mikados und Kriegshelden
mit tiefer Ehrfurcht begrüßt, besehen und bewundert hatten, waren sichtbar
ergriffen. Wurde doch mit dem Sturze des Antoku und der Erhebung Joritomos zum
Sj<ent:omacr/>gun die Macht ihrer vergötterten Mikados wohl auf immer vernichtet, und die
Regierung des Reiches bis auf den heutigen Tag der Gewalt der Oberfeldherren <ent:ndash/>
der Sj<ent:omacr/>gunherrschaft <ent:ndash/> überlassen, die sich sowohl unter Religions- und
Bürgerkriegen, als auch in der nachfolgenden zweihundertjährigen Friedenszeit
gleich mächtig zu erhalten und das alte Mikadohaus in einen politischen
Schlummer einzuwiegen wußte.<cmd name="fntextref" args="{3}"><arg type="xml"><xhtml:a id="FNmark3" href="#FNtext3">(3)</xhtml:a></arg></cmd></x>

<x>Wir besuchten nun den Oberpriester des Tempelhofes, der uns in einem geräumigen
Saale des Klostergebäudes empfing und mit Thee und Tabak bewirtete. Er war ein
guter Fünfziger, von kleiner Statur, rundem blatternarbigen Gesichte,
freundlich, wie alle Mönche, aber offenherzig und gemütlich. Die Priester
dieses Tempelhofes gehören zur buddhistischen Sekte Sj<ent:omacr/>to, und ihre Revenüen
betragen jährlich 70 Koku, ungefähr 800 Gulden, als stiftungsgemäß vom Staate
ausgesetztes Einkommen, aber die milden Gaben von Pilgern und Reisenden und
andere fromme Beiträge belaufen sich viel höher. Auch unser Gesandter brachte
ein Opfer, er gab einen Itsibu, d.<ent:thinsp/>i. drei Gulden, auf ein Papierchen geklebt
und sauber eingewickelt.</x>

<x>Einige kleine Kähne erwarteten uns am Seestrande, und wir setzten nach Hajatomo über.
Es ging ein schneller Strom, jetzt NNO.; denn es begann zu ebben, und in wenig
Minuten waren wir am jenseitigen Ufer. Der Strand war mit Seetangen,
Seesternen, Seeigeln, Krabben und Muscheln besät, unter letzteren die sehr
schmackhafte Steckmuschel, welche Inogai heißt. Herrn Bürger und meinen
Schülern überließ ich<ent:rsquo/>s heute Naturalien zu sammeln und benützte die günstige
Gelegenheit, durch eine Reihe von Kompaßobservationen die wichtigsten Punkte
des Eingangs der Straße zu bestimmen. <cmd name="beginpage" args="{116}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg115">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg116">116</xhtml:a><xhtml:a href="#pg117">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> Am Fuße des Kamihofes, auf
einem Blocke Kieselschiefer, wurde die Skizze des Planes der Einfahrt in die
Straße entworfen, welche den in ganz Ostindien gefeierten Namen eines van der
Capellen führen sollte. Von hier aus peilte ich die SO.-Spitze der Insel
Hikusima, nämlich Kap Kibune, S. 37<ent:deg/> W. und die Landspitze oberhalb des
Städtchens Dairi S. 29<ent:deg/> W. und bestimmte so die engste Stelle des südwestlichen
Eingangs in die Straße. Nun eilten wir längs dem mit Kieselschiefer und
Trachytblöcken verschanzten Strand nach der Nordspitze des Kaps Hajatomo, wo
sich eine freie Aussicht in die Bucht öffnet, welche sich zwischen dem Kap
Motojama und Kap Kusisaki ausbreitet und die Inselchen Mansju und Kansju umschließt.
Von hier aus peilten wir das Dorf Danoura auf Nippon N. 56<ent:deg/> W. <ent:ndash/> Kap Kusisaki
N. 45<ent:deg/> O. <ent:ndash/> das Inselchen Kansju (das kleinere und westliche) N. 51<ent:deg/> O. <ent:ndash/> das
Inselchen Mansju N. 59<ent:deg/> O. und die Spitze oberhalb des Dorfes Tanoura (auf
Kiusiu) lag gerade im Osten und bildete so mit dem Kap Hajatomo, wo wir unsere
Instrumente aufgestellt hatten, den nördlichsten Teil der Insel Kiusiu. Nachdem
wir unsere Aufgabe vollendet hatten, besuchten wir die Kamihalle des Mekarino
Mj<ent:omacr/>zin, wurden vom Oberpriester mit geweihtem Reis, als einem Talisman gegen
Unfälle auf Reisen, beschenkt, und gingen längs dem Strande nach Monsi oder
Monsu, wo wir uns wieder nach Simonoseki übersetzen ließen.</x>

<x>Beim ersten Bürgermeister, einem eifrigen Freunde der Niederländer, waren wir zu
Abend eingeladen. Van den Berg (so hatte ihn der frühere Gesandte D<ent:oelig/>ff getauft)
empfing uns in einem ganz nach europäischem Geschmacke möblierten Zimmer und
bewirtete uns nicht allein auf holländische Art, sondern erschien, um uns
womöglich ganz in unsere Heimat zu versetzen, sogar selbst in holländischer
Tracht. Er präsentierte sich in einem roten Sammetrock mit goldnen Tressen,
einer goldgestickten Weste, kurzen Beinkleidern, seidenen Strümpfen,
Pantoffeln, einem Hute und trug sogar einen Stock mit großem, vergoldetem
Knopfe <ent:ndash/> das Reichsscepter unserer Oberhäupter auf Dezima. Dies ganze Kostüm
hatte übrigens noch das historische Interesse, daß es ein Geschenk seines
Freundes D<ent:oelig/>ff und derselbe Anzug war, worin dieser am Hofe zu Jedo seine
Aufwartung gemacht hatte. Die Gesellschaft fand diesmal im engeren
Familienkreise statt, zu welchem außer einigen Dolmetschern auch mehrere meiner
vertrauten Schüler zugelassen waren. Unsere japanische Ehrenwache, oder
Aufseher, wie wir sie auch nennen könnten, da sie uns überallhin begleiteten,
benahm sich bei Gelegenheiten, wo irgend ein Anstoß gegen ihre Instruktion
stattfinden konnte, ungemein bescheiden und klug. Sie vermieden Augenzeugen von
Handlungen zu sein, die sie den ihrer Aufsicht anvertrauten Niederländern nicht
wohl gestatten, aber auch nicht geradezu verbieten konnten. Unser Kuinin war
also heute zu Hause geblieben und ließ sich durch den Funaban und die beiden
Tsj<ent:omacr/>si vertreten, recht wackere Leute, die sich im Vorzimmer den Sake und die
Zugerichte treff&GER.nolig;lich schmecken und uns ungestört unser holländisches Lustspiel
auf&GER.nolig;führen ließen. Van den Berg spielte die Rolle seines Paten vortreff&GER.nolig;lich und
gab mitunter auch einen derben Matrosenspaß zum besten<ent:thinsp/>; er fühlte sich heute
recht glücklich. Seine hübsche Frau und einige andere japanische Damen
unterhielten die Gesellschaft, und Mädchen in geschmackvoller, reicher Kleidung
bedienten die fremden Gäste. Zitherspielerinnen, Tänzerinnen und Gaukler traten
später auf, und die holländische Soirée endigte als eine japanische Lustpartie.
Bald war ich der Freund und Vertraute unseres Gastherrn geworden<ent:thinsp/>; ich mußte nun
auch Zeuge seines Geschmackes an <cmd name="beginpage" args="{117}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg116">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg117">117</xhtml:a><xhtml:a href="#pg118">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> holländischen Sachen werden und
sein Raritätenkabinett besehen. In einem kleinen Kämmerchen, wohin keine Thüre,
sondern ein Loch zum Durchkriechen führte, war ein Mischmasch von europäischen
Gegenständen aufgehäuft. Möbel, Kleidungsstücke, Thee- und Tafelservice,
Taschenuhren, Pendulen, Bücher, Zeichnungen, Handschriften, Degen und andere
Waffen waren zu sehen, und sogar eine Zipfelperücke aus der Blütezeit des
niederländischen Handels hing da. So brachten wir den Abend recht angenehm zu.</x>



<cmd name="subsubsection"><arg>25. Februar</arg></cmd> 

<x>In aller Frühe kamen meine Schüler und andere Ärzte aus der Gegend
mit ihren Kranken und fragten mich um Rat und Hülfe. Es waren, wie gewöhnlich,
chronische, vernachlässigte und unheilbare Krankheiten, und die umständlichen
Konsultationen kosteten viel Zeit und Geduld. Ich that alles meinen Schülern
zuliebe, deren guter Ruf darunter gelitten hätte, wenn ihre Patienten, die sie
auf mich vertröstet und oft aus entfernten Orten herbeigebracht hatten, rat-
und hülf&GER.nolig;los wieder von dannen gezogen wären. So mußte ich oft gegen meinen
Willen den Charlatan spielen.</x>

<x>Ein heiterer Himmel begünstigte die Längenbeobachtungen, welche wir, Herr Bürger
und ich, fast täglich hier anstellten.</x>

<x>Gegen Mittag besuchte uns unser Kuinin unter dem Vorwande, unsere Instrumente und
Naturalien besichtigen zu wollen <ent:ndash/> doch wahrscheinlich aus Dienstpflicht oder
Besorgnis<ent:thinsp/>; denn die vielen Fremden, welche den holländischen Arzt besuchten,
waren seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen, aber auch mir nicht die Absicht
seines Besuches. Es wurden also, als man seine Visite ansagte, die etwa
anstößigen Sachen aus dem Wege geräumt (und es waren deren viele), und an ihre
Stelle setzte ich gelehrtes Spielzeug, Mikroskope und andere physikalische
Instrumente.</x>

<x>Vor unserer Abreise, noch auf Dezima, hatte ich dem Kuinin, der nicht ohne
naturhistorische Kenntnisse war, die Naturaliensammlung und andere
Merkwürdigkeiten, welche ein Europäer in Japan sammeln darf, gezeigt und ihn in
mein Interesse gezogen. Die den Japanern eigene Wißbegierde und ihre Passion
für Naturseltenheiten kam mir jedesmal zu statten, wenn ich einen geheimen
Zweck zu erreichen strebte. Heute ließ ich den Kuinin Moos- und Farrenblüten u.
dgl. unter dem Mikroskop sehen, was seine Neugierde und Teilnahme an meinen
Untersuchungen, die ihm ganz unschuldig vorkamen, aufs neue erweckte, und er
versprach mir, mich bei denselben nach besten Kräften zu unterstützen. So wurde
denn auch mein Gesuch, nachmittags mit Herrn Bürger und einigen Japanern eine
naturhistorische Exkursion nach Danoura zu machen, bewilligt. Die weitere
Aufnahme der Straße war meine Absicht. Van den Berg, sein Söhnchen, der Maler
Tojoske und meine vertrauten Schüler Rj<ent:omacr/>sai und K<ent:omacr/>sai begleiteten uns. In einer
kleinen Fischerhütte vor dem Dorfe fanden wir freundliche Aufnahme,
Erfrischungen und die Instrumente, welche wir voraus geschickt hatten. Unser
Maler entwarf eine Skizze der Ansicht der Straße mit der Fischerhütte im
Vordergrunde, während wir uns mit Kompaßobservationen beschäftigten und einige
wichtige Mitteilungen unseres erfahrenen van den Berg über diese Straße
niederschrieben. Die Breite der Straße zwischen hier und Kap Hajatomo, welches
S. 61<ent:deg/> O. gegenüber liegt, wird von den Japanern auf 14 Tsj<ent:omacr/> angegeben, was
nach unserer Rechnung 1603,56 Meter beträgt. Die Tiefe soll hier zwischen 15
und 20 Ken oder Faden wechseln, wovon wir uns später auch überzeugten. Der
Strom, namentlich der Flutstrom, ist oberhalb Danoura am reißendsten und geht
nächst <cmd name="beginpage" args="{118}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg117">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg118">118</xhtml:a><xhtml:a href="#pg119">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> dem Strande dieses Dorfes, was sich durch den schroffen
Vorsprung des Kaps Hajatomo, an welchem sich die hereinströmende Ostsee bricht
und nach dem entgegengesetzten Strande geleitet wird, erklären läßt. Auf einer
sehr ausführlichen japanischen Seekarte (einem Wegweiser zur See von <ent:Omacr/>saka nach
Nagasaki) ist zwischen Kap Kusisaki und Kap Majeta eine Klippe bemerkt, an
welcher schon Fahrzeuge verunglückt sind. Wir haben sie nicht in unserer Karte
aufgenommen, wollen aber darauf aufmerksam machen. Dem Wegweiser zufolge läßt
man die Klippe bei der Durchfahrt nach Simonoseki an Steuerbord liegen.</x>

<x>Die Japaner nennen die Straße nach den dortigen Kamihöfen teils Hajatomono seto,
teils Mekarino seto (seto bedeutet Meerenge); der älteste Name ist Anado
(Lochthüre), woher auch Anadono kuni, der älteste Name der Provinz Nagáto.
Historischen Quellen zufolge hat diese Meerenge vor Zingus Expedition nach der
Halbinsel Korea (200 n.Chr.) noch nicht bestanden. Erst in späterer Zeit hat
die See die Fortsetzung von Kap Hajatomo, wodurch Kiusiu mit Nippon
zusammenhing, durchbrochen, wodurch das Dorf Monsi mit dem Kamihofe, das
ehemals als Barrière noch zu Nippon gehörte, der Insel Kiusiu zufiel.</x>

<x>Der Japaner hängt sehr an Vergnügungen in freier Natur, welche auch im Winterkleide
noch Reize genug hat, seine lebhafte Phantasie zu begeistern. Dabei läßt er auf
seinen Ausflügen keine Gelegenheit unbenutzt, die Freuden der Natur durch
religiöse Erbauung und geschichtliche Erinnerungen zu erhöhen. Da unsere Arbeit
vollbracht war, so ließen wir uns vor der anmutigen Fischerhütte zur Seite
eines Bergbaches nieder. Es war Frühlings Anfang. Hier und da blühte schon die
beliebte Baimo- und Mume-Pflaume, und die wilden Kamelien öffneten bereits ihre
dicken Blumenknospen. Uns gegenüber, jenseits der schnellströmenden Meerenge,
erhob sich das schroffe Vorgebirge mit der Kamihalle, uns zur Rechten, auf dem
Felsenvorsprung, ragten die Ruinen der Burg Akamagaseki, die Kapelle des
Kamejama Hatsiman und dicht dabei der Amidatempel empor. Inmitten so erhebender
Naturscenen und von solchen Denkmälern umringt, kann der gemütliche Japaner
nicht verweilen, ohne den Freund bei einer Schale Sake zu begrüßen und seinen
Gefühlen für Natur, Vaterland und Freundschaft Äußerung zu geben. Wir tauschten
mit unserem biederen van den Berg und anderen Vertrauten ein Gläschen Madeira
mit einer Schale Sake unter traulichen und belehrenden Gesprächen. Der Sohn
meines Freundes, ein liebenswürdiger Knabe von fünf Jahren, schmiegte sich an
meine Seite und teilte die Aufmerksamkeit seines Vaters, der in seiner
Begeisterung endlich den Wunsch äußerte, ich möchte seinem einzigen Sohne
meinen Namen zum Beinamen geben. Es wurde auf die Gesundheit meines kleinen
Adoptivsohnes getrunken, den ich in meine Arme schloß. Unsere Stimmung war
fröhlich und herzlich, und wir zogen unter Anstimmung eines deutschen Liedes
nach der Stadt zurück. Wir sprachen hier bei Kosai vor, um eine
Mineraliensammlung zu besehen. Auch hier warteten unser Freunde und Kranke,
unter erstern der Bruder eines sehr reichen Kaufmanns, Kamaja aus Nagato,
welcher mich im vorigen Jahre auf Dezima konsultiert und zu Nagasaki unter
meiner Behandlung einige Zeit zugebracht hatte. Er ließ sich durch seinen
Bruder zu einem Besuch für den nächsten Tag anmelden in der Absicht, mir für
seine Wiederherstellung Dank zu sagen. Kamaja war einer der reichen Kauf&GER.nolig;leute,
deren es namentlich zu <ent:Omacr/>saka und Jedo viele giebt. Wie er mir selbst sagte,
hatte er stündlich ein Koku (oder einen Koban) Einkünfte, also ungefähr eine
Tonne Goldes im Jahre. Wohl als Bürger geachtet, <cmd name="beginpage" args="{119}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg118">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg119">119</xhtml:a><xhtml:a href="#pg120">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> aber ohne alles
öffentliche Ansehen, würde der japanische Kaufmann selbst dem, der die Scholle
baut, nachstehen und als Krämer den Übergang zur ehrlosen Volksklasse machen,
wäre ihm nicht Gelegenheit gegeben, sich, sei es vom Sj<ent:omacr/>gun oder von seinem
Landesfürsten, einen Titel und damit die Erlaubnis, ein Seitengewehr zu tragen,
gegen eine geringe Taxe zu erkaufen. Wir wollen hier erinnern, daß wohl der
Landwirt, aber nicht der Kaufmann berechtigt ist, ein Seitengewehr zu tragen.
Letzterer steckt an die Ehrenseite seines Gürtels gewöhnlich bloß einen Fächer.
Erst mit dem Titel, woran sich ein Jahrgehalt, gleich unbedeutend wie die Taxe,
knüpft, erhalten die Geldmänner ein Ansehen, übernehmen nun aber auch die
wichtige Verbindlichkeit, dem Staate im Falle der Not Geld vorzuschießen. Sie
werden dadurch die Hof&GER.nolig;bankiers des Sj<ent:omacr/>gun und der Landesfürsten. In <ent:Omacr/>saka und
Jedo werden jährlich Listen dieser reichen Ehrenmänner in Druck herausgegeben,
welche das Eigentümliche haben, daß die Namen der reichsten mit den größten
Buchstaben obenan stehen, während die minder bemittelten in fast unlesbarer
Kursivschrift die Liste schließen. Die japanischen Rothschilde figurieren in
zollangen Buchstaben.</x>



<cmd name="subsubsection"><arg>26. Februar</arg></cmd> 

<x>Aus Nagato und der angrenzenden Landschaft Suw<ent:omacr/> besuchen mich Schüler
und Bekannte und bringen Freunde und Kranke, Geschenke und Naturseltenheiten
mit. Das Zusammentreffen mit den fähigsten meiner Schüler war ganz unserer Verabredung
gemäß. Sie hatten bei ihrer Entlassung von ihrem holländischen Meister ein
stattliches Doktor-Diplom erhalten mit der Bedingung, in ihrer Heimat eine
Dissertatio inauguralis zu schreiben und sie ihm auf seiner Reise nach Jedo
einzuhändigen. Das Thema ward ihnen angewiesen und bestand jedesmal in einem
noch wenig bekannten, wissenswerten Gegenstand aus dem Gebiete der Länder- und
Völkerkunde oder der Naturgeschichte mit Bezug auf Japan und seine Neben- und
Schutzländer. Unter den heute empfangenen Arbeiten stehen obenan:</x>

<x>Geographisch-statistische Beschreibung der Fürstentümer Nagato und Suw<ent:omacr/> von Kawano Kosaki. Über die
Seesalzbereitung von Sugijama Soriu. Von den gebräuchlichsten Färbestoffen und
vom Färben der Zeuge von Bunkj<ent:omacr/>. Von den Walfischen und dem Walfischfang von
Takano Tsj<ent:omacr/>je. Beschreibung merkwürdiger Krankheiten in Japan. Verzeichnis der
allgemeinsten Arzneimittel usw.</x>

<x>Die Anhänglichkeit und der Eifer, womit diese wackern Leute meine Aufträge besorgt
hatten, rührten mich. In einer kurzen Rede ermunterte ich sie zur weiteren
Beförderung meiner naturhistorischen und anderweitigen Forschungen, sowie zur
Ausbreitung europäischer Wissenschaften in ihrem Lande und versprach ihnen
meine thätige Mitwirkung und Unterstützung.</x>

<x>Wie gesagt, jeder von den Ärzten hatte aus seinem Lande Kranke mitgebracht, und
ihre Zahl war so groß, daß, um keinen Anstoß zu erregen, das Los über die
Ordnung der Konsultationen und Operationen entscheiden mußte. Schauderhafte
Fälle von Syphilis, Lepra, veralteten und vernachlässigten Krebsgeschwüren und
Fisteln, Augenkrankheiten und Kachexien aller Art waren an der Tagesordnung,
und mehrere Operationen wurden mit Erfolg zur Belehrung meiner Schüler und zum
Erstaunen der Anwesenden vorgenommen.</x>

<x>Wir haben uns schon einige Male unserer Schüler gerühmt und von ihnen mit Lob
gesprochen. Häufig werden wir mit ihnen noch auf dieser Reise zusammentreffen
und Gelegenheit haben, ihre Anhänglichkeit und treuen Dienste zu erwähnen.
<cmd name="beginpage" args="{120}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg119">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg120">120</xhtml:a><xhtml:a href="#pg121">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> 
&lt;Fig. 11. <cmd name="emph"><arg>Porträt des Präsidenten des Dolmetscher-Kollegiums in Nagasaki Isibasi Sakusajemon.</arg></cmd>&gt; 
Den Lesern, die unsere Stellung und die
Verhältnisse auf Dezima nicht kennen und von unserer Verbindung mit Ärzten und
andern japanischen Gelehrten und Freunden europäischer Wissenschaften sich
keine deutliche Vorstellung machen können, sind wir einige nähere Auf&GER.nolig;klärung
schuldig. Gleich nach unserer Ankunft auf Dezima in 1823 wurden wir durch die
Vermittlung des mehrgenannten &CMD.dlq;Opperhoofd&CMD.drqsp; J. Cock Blomhoff mit den
vorzüglichsten, damals zu Nagasaki anwesenden Ärzten bekannt <cmd name="beginpage" args="{121}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg120">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg121">121</xhtml:a><xhtml:a href="#pg122">&gt;</xhtml:a></arg></cmd>
gemacht, unter denen sich auch Minato Tsj<ent:omacr/>an, ein vornehmer Arzt aus Jedo, und
der junge Mima Zuns<ent:omacr/> aus Awa, ferner Hiraï Kais<ent:omacr/> aus Mikawa, Oka Kenkai und
viele andere fremde Ärzte und Gelehrte befanden, welche der Ruf des aus Holland
neu angekommenen Arztes und Naturforschers nach Nagasaki gezogen hatte.</x>

<x>Durch eine ungewöhnliche Begünstigung von seiten des kaiserlichen Statthalters,
Fudsiwara Takahasi, des Herrn von Jetsizen, erhielten diese wißbegierigen Leute
die Erlaubnis, bei uns auf Dezima Unterricht zu nehmen, und es wurde uns
gestattet, mit ihnen zu Nagasaki Kranke zu besuchen und in der Umgegend der
Stadt Arzneikräuter zu sammeln. So ward der Weg zu unseren ausgebreiteten
Forschungen und Verbindungen mit Japanern geöffnet. Josiwo Gonoske, Inabe
Itsiguro, Isibasi Sakusajemon, Narabajasi Tetsnoske, Sige Tokisiro, Namura
Sansiro und einige andere tüchtige Dolmetscher erteilten diesen Leuten
Unterricht in der holländischen Sprache, die für sie der Schlüssel zu
gründlichen Studien ward. Siehe das Porträt des Vorstehers des
Dolmetscher-Kollegiums Isibasi Sakusajemon Fig. 11. Der würdige Greis Sige
Dennozin, noch ein alter Bekannter Thunbergs, und Sugavara Sekisiro, der erste
Bürgermeister der Stadt, wurden die Beschützer europäischer Wissenschaften und
begünstigten unsern Verkehr mit japanischen Gelehrten. Einige glückliche Kuren
und Operationen befestigten den Ruf des Meisters, und die Zahl seiner Schüler
wuchs mit jedem Tage. Zu diesen gehörten auch manche talentvolle junge Leute
aus fernen Landschaften, die aber zu arm waren, um in Nagasaki leben zu können.
Überzeugt, daß von ihnen viel für unsere naturhistorischen und anderweitigen
Forschungen zu erwarten stand, nahmen wir daher einige der tüchtigsten, deren
Namen wir noch mit Stillschweigen übergehen müssen, im Geheimen in unsern
Dienst und gewährten ihnen auf unserm Landgütchen, einer romantisch gelegenen
Villa im Thale Narutaki, in der Nachbarschaft des alten Dennozin eine
Wohnstätte. Bald ward Narutaki der Sammelplatz japanischer Freunde europäischer
Wissenschaft, und Zunz<ent:omacr/> und Kenkai die ersten Lehrer des durch uns gestifteten
Athenäums. Von diesem kleinen Punkte breitete sich allmählich ein neuer
Lichtstrahl wissenschaftlicher Bildung und mit ihm unsere Verbindung über das
japanische Reich aus. Die wir von nun an unsere Schüler nennen dürfen, haben
hier den ersten Grundstein zu ihrer europäischen Bildung gelegt und vieles zu
unsern Forschungen beigetragen.</x>



<cmd name="subsubsection"><arg>27. Februar</arg></cmd> 

<x>Wir erhielten die Erlaubnis zu einem Spaziergang nach Takesaki (so
heißt der westliche Teil der Stadt) und in die Umgegend. Die Südwestspitze von
Nagato, Kap Wotohana, die Meerenge Kosedo, die Insel Hikusima und die
Rokuren-Gruppe zu untersuchen war heute unsere Aufgabe. In kleiner Gesellschaft
durchzogen wir die Straßen Nisinabe-matsi, Irije, Nisihosoje und Buzen-matsi
und ruhten bei einem Zollhause auf dem Kai von Takesaki aus, wo wir die
Aussicht auf die vor uns sich ausbreitende Insel Hikusima, auf das Inselchen
Funasima und auf die Küste von Buzen hatten. Es lagen hier kleine
Handelsschiffe vor Anker, und auf dem Kai war man mit Ein- und Ausladen
beschäftigt. In Fig. 10 ist diese Ansicht mitgeteilt. Es ist der Stapelplatz
des Handels von Simonoseki.</x>

<x>Unsere Ankunft erregte Aufsehen, und bei dem Andrange der neugierigen Volksmasse war
es nicht rätlich hier Observationen anzustellen, auch Tojoske nahm diesmal
keinen Abriß der Gegend auf. Wir zogen nach Imaura, wo wir in einem
Fischerhause am Strande einkehrten, um unsere japanischen Offiziere, die uns
weiter zu begleiten Anstand nahmen, bei einem Gläschen Wein und Sake in eine
günstigere Stimmung <cmd name="beginpage" args="{122}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg121">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg122">122</xhtml:a><xhtml:a href="#pg123">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> zu versetzen. Das Dorf Imaura gehört nämlich
nicht mehr zum Gebiete von Simonoseki, und wir befanden uns in einem ähnlichen
Falle wie bei unserem Abstecher nach Hajatomo. Das Verbot, Fremde aufzunehmen,
ist der gesamten japanischen Bevölkerung mit so furchtbarem Nachdruck
eingeprägt, daß es, wie sich aus allem, was wir davon erfahren haben, einsehen
läßt, einem Ausländer nicht möglich wäre, nur einen Tag auf japanischem Boden
zu verweilen, ohne entdeckt zu werden.</x>

<x>Wir rieten unsern Aufsehern, sich aus dem Spiele zu ziehen und unsere Zurückkunft
von Woto hier abzuwarten, wozu sie sich auch verstanden. Sobald wir ihnen aus
dem Gesichte waren, machten wir uns an die Arbeit und bestimmten durch eine
Reihe von Peilungen die noch ganz unbekannte Ostküste von Hikusima und
berichtigten viele andere Punkte des Wasserbeckens, welches sich hier einem
Landsee gleich ausbreitet. Einige der wichtigsten Peilungen wollen wir hier
anführen.</x>

<x>Das Inselchen Funasima S. 20<ent:deg/> O. Das Städtchen Dairi mit der Ostspitze von Hikusima
S. 10<ent:deg/> O. Die Nordostspitze (Kap Amanoko) von Hikusima S. 35<ent:deg/> W. Die Stadt
Kokura konnten wir wegen der vorliegenden Insel Hikusima nicht sehen, aber
unsere Japaner zeigten uns die Gegend genau, sie lag demnach S. 16<ent:deg/> W. vor uns.
Nun eilten wir nach Woto und bestiegen die im Südwesten des Dorfes gelegene
Spitze (Kap Woto-hana), wo sich eine weite Aussicht in die See Genkai nada
eröffnet. Es war hier eine große Lücke in den japanischen Karten. (Wir kannten
damals weder die amtliche Karte von Japan, noch den obenerwähnten
Seewegweiser.) Die Insel Hikusima, welche auf diesen Karten weiter von der
Küste von Nippon als von Kiusiu entfernt liegt, sahen wir bloß durch eine enge,
kaum 1 Tsj<ent:omacr/> (114,54 Meter)<cmd name="fntextref" args="{4}"><arg type="xml"><xhtml:a id="FNmark4" href="#FNtext4">(4)</xhtml:a></arg></cmd> breite Straße vom Kap Woto-hana geschieden und
in eine lange schmale Landzunge in Nordwestrichtung auslaufend, sich gleichsam
an die Rokurengruppe anschließen. Wir hatten hier diese Gruppe und die
Nordwest- und Nordostküste von Hikusima in Vogelperspektive vor uns, und
Tojoske zeichnete einen Plan, der seiner Fertigkeit und Kunst Ehre machte.
Hinsichtlich der Bestimmung der wichtigsten Punkte haben wir Nachstehendes
aufgezeichnet. Die Nordspitze von Hikusima peilten wir O. 68<ent:deg/> S., die äußerste
Spitze der Landzunge, wahrscheinlich das Inselchen Takenokousima, welches mit
der Landspitze zusammenlief, N. 86<ent:deg/> W., die Südspitze der Rokuren-Insel,
eigentlich Kamino motsure genannt, N. 59<ent:deg/> W., das Inselchen Mumasima (auch
Komotsura genannt) N. 73<ent:deg/> W. Auf der Westküste von Nagato hatten wir das Kap
Takehisa N. 4<ent:deg/> O. und Kap Murotsu N. 9<ent:deg/> O., und wir konnten die Dörfer gleichen
Namens deutlich erkennen. Bei ersterem ergießt sich der Bach Takehisa-gawa, und
bei Murotsu der Asaraki-gawa in die See. Die Rokurengruppe besteht aus sechs
Inselchen<ent:thinsp/>: 1. Kamino Motsure mit dem Dorfe Hatoura, 2. Komotsure oder Mumasima,
3. Kanasakisima, 4. Wakurasima, 5. Amakosima und 6. Katasima, die vier letzten
sind unbewohnt. Auf der entgegengesetzten Nordküste von Tsikuzen reichte unsere
Aussicht bis Kap Kanesaki<ent:thinsp/>; Kap Asija hatten wir im S. 87<ent:deg/> W., und die Straße
Wakamatsu (man nennt sie auch Fukano umi) peilten wir S. 61<ent:deg/> W. Auf der Höhe
von Kap Asija liegen zwei kleine Inseln nebeneinander, welche die Zwillingsinseln
oder auch Mann und Frau heißen. Die nördlichste derselben, Wosima, die
Mann-Insel, peilten wir N. 69<ent:deg/> W. und die andere, Mesima, die Frau-Insel, N.
73<ent:deg/> W. Auch erkannten wir noch weiter nördlich eine <cmd name="beginpage" args="{123}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg122">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg123">123</xhtml:a><xhtml:a href="#pg124">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> Insel, welche
wir N. 33<ent:deg/> W. peilten, und die, nach Angabe unserer Begleiter, Ainosima sein
soll. Die kleine Meeresstraße Kosedo erstreckt sich von O. nach W. und wird vom
Kap Wotohana und der Nordspitze von Hikusima gebildet. Dieselbe ist, wie
gesagt, nur ungefähr 114 Meter breit und bloß für kleine Handelsschiffe
befahrbar. Der Strom darin ist reißend, und die Durchfahrt um so gefährlicher,
da sich an der Inselseite, gerade dem Kap Wotohana gegenüber, Klippen befinden.</x>

<x>Zu Imaura trafen wir unsere Offiziere, welche sich auf unsere Kosten ein Gutes
angethan hatten, und kamen mit dem Abend von unserer hydrographischen Exkursion
nach Simonoseki zurück.</x>

<x>Hier warteten unser viele Kranke, darunter ein Pächter des Walfischfanges von
Hirado, dem der obenerwähnte Arzt Takano Tsj<ent:omacr/>je die Abhandlung von den Walfischen
größtenteils verdankt und den er in der Absicht mitgebracht hatte, um uns aus
dem Schatze seiner Erfahrungen einige nähere Mitteilungen darüber zu machen.
Der ergiebigste Walfischfang ist angeblich bei der Insel Hirado, bei den Got<ent:omacr/>-
und Measima-Gruppen und bei der Insel Iki, somit zwischen der Parallele des 31<ent:deg/>
bis 34<ent:deg/> n.<ent:thinsp/>Br. und dem 128<ent:deg/> bis 130<ent:deg/> ö.<ent:thinsp/>L. v. Greenw. Die günstigste Zeit dazu
ist von Dezember bis Anfang April. Auf diese Monate wird daher auch der
Walfischfang, welcher ein Regale des Fürsten von Hirado ist, verpachtet, und
zwar an zwei Compagnien. Im verflossenen Jahre belief sich der Pacht für den
Winterfang auf 90.000 Tail oder etwa fl. 180.000. Für die außer der Pachtzeit
gefangenen Walfische wird eine Taxe bezahlt, welche sich nach der Größe der
Tiere richtet<ent:thinsp/>; für Walfische von 4 Hiro 2 Sjak (6,666 Meter) Länge und darüber
100 Tail oder 200 Gulden<ent:thinsp/>; für kleinere verhältnismäßig weniger. Zu bemerken
ist, daß man die Länge dieser Tiere bloß vom Luftloch bis zur Schwanzflosse
berechnet.</x>

<x>Die japanischen Walfischfänger unterscheiden mehrere Arten von Walfischen, worauf
sie sämtlich Jagd machen. Drei davon, nämlich der Sato kuzira, der Nagasu
kuzira und Noso kuzira, sind jedoch nichts anderes als Spielarten und in
verschiedenem Alter stehende Species des sogenannten Rohrqual vom Kap der guten
Hoffnung (Balaenoptera antarctica), während der Sebi kuzira und der Kokuzira
ältere und jüngere Individuen des Südseewalfisches (Balaena antarctica), der
Makko kuzira der bekannte Pottfisch (Physeter) und der sehr seltene Iwasi
kuzira wahrscheinlich unser Walfisch (Balaenoptera arctica) sind. Am häufigsten
kommt der Sebi in der japanischen See vor, und dieser ist auch seines für den
japanischen Gaumen schmackhaften Fleisches wegen am beliebtesten. Wie bekannt,
wird Walfischfleisch allgemein in Japan gegessen, überhaupt alles vom Walfisch
zur Speise und zu Zwecken benutzt, an die man in Europa noch nicht gedacht hat.
Ein großer Sebi wird daher auch mit 3600 bis 4000 Tail <ent:ndash/> 7000 bis 8000 fl. <ent:ndash/>
bezahlt, und da im Durchschnitt jährlich an 250 bis 300 Walfische gefangen
werden, so läßt sich daraus auf die Wichtigkeit dieses Betriebs in Japan
schließen. Man kann ihn, sehr mäßig berechnet, auf eine Million Gulden
schätzen. Der Pächter versicherte uns selbst, Sebi Kuzira von 20 Hiro (30,3
Meter) gesehen zu haben und Augenzeuge gewesen zu sein, wie man bei Iki an
einem Tage 7 bis 10 Tiere, meistens Sebi kuzira, gefangen habe.</x>

<x>Der Walfischfang in Japan wird somit in einer ganz andern Absicht, aber auch auf
andere Weise als bei uns betrieben. Schiffe in der Art, wie unsere
Walfischfänger augerüstet, daß sie alles, was zum Fange, zum Thransieden und
zur sonstigen Verwertung der Walfische erfordert wird, in sich vereinigen und
einzeln auf den Fang <cmd name="beginpage" args="{124}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg123">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg124">124</xhtml:a><xhtml:a href="#pg125">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> ausgehen, giebt es in Japan nicht. Hier zieht
man in Gesellschaft, gewöhnlich mit 25 kleinen und 8 größeren Fahrzeugen, auf
den Fang aus. Die kleinen Fahrzeuge, welche Kuzirafune heißen und aus offenen,
5<ent:ndash/>6 Ken (9<ent:ndash/>11 Meter) langen Booten bestehen, welche mit 8 Rudern versehen und mit
11 bis 13 Leuten bemannt sind, dienen zur eigentlichen Jagd. Man geht damit,
sobald ein Walfisch in Sicht kommt, auf diesen los und wirft die Harpune. Die
größeren Schiffe, welche nach Art der Kauf&GER.nolig;fahrteischiffe, deren wir oben unter
dem Namen Sakaifune erwähnten, gebaut sind (gewöhnlich nimmt man hiezu auch
Holzschiffe, Isawafune), dienen zum Transport der ungeheuren Walfischnetze,
womit man das verwundete Tier umstrickt oder ihm die Flucht abschneidet. Ein
solches Netz, aus Reisstroh, seltener vom Gewebe der Besenpalme (Chamaerops
excelsa) verfertigt, ist oft zehn 
Dsjo<ent:thinsp/><cmd name="fntextref" args="{5}"><arg type="xml"><xhtml:a id="FNmark5" href="#FNtext5">(5)</xhtml:a></arg></cmd> 
(38,18 Meter) tief und 300 Meter
lang, so daß dies allein eine Schiffsfracht ausmacht. Der gefangene und
getötete Walfisch wird mit Netzen umwunden, oft bis zum Fischerdorf selbst ans
Land geschleppt und an einer eigens dazu eingerichteten Stelle des
Landungsplatzes ausgehauen. Fleisch, Speck und andere eßbare Teile werden von
Fischhändlern aufgekauft und in frischem Zustande nach allen Häfen von Japan
verführt. Nur was nicht eßbar ist, wird, wie auch die ungenießbaren
Meerschweine, Delphine u.<ent:thinsp/>dgl. zu Thran verwendet.</x>

<x>Am gesuchtesten ist das Fleisch des Sebi und des Kokuzira (Balaena antarctica).
Wir haben oft davon gegessen. Es schmeckt wie zähes Bullen- oder Büffelfleisch
und wird sowohl frisch, als eingesalzen verspeist<ent:thinsp/>; letzteres ist schmackhafter.
Eingesalzen und in dünne Scheiben geschnitten, ist der Speck ein japanischer
Leckerbissen und schmeckt wie gesalzene Oliven. Auch die Eingeweide, Finnen und
Barten werden verspeist<ent:thinsp/>; letztere fein geraspelt zu Salat. Aus den
Speckabfällen und den zerstoßenen Knochen wird Thran gesotten, den man, seiner
hellen Flamme wegen, dem Rüböl vorzieht<ent:thinsp/>; und endlich werden die ausgebratenen
Teile noch von armen Menschen gegessen und die Knochen als Dünger benutzt. Der
gesalzene Speck wird gegen chronische Durchfälle und als ein magen- und
milzstärkendes Mittel gerühmt. Pulverisierte Barten werden als Stipticum und
der Thran gegen Flechten empfohlen. Auch gießt man Thran in die Reisfelder,
wenn der Wurm (Inago) ins Getreide kommt. Aus den Sehnen verfertigt man Saiten
für die Fachbögen (t<ent:omacr/> kju) zum Fachen der Baumwolle.</x>



<cmd name="subsubsection"><arg>28. Februar</arg></cmd> 

<x>Der Gesandte läßt uns sagen, daß die Hofreisebarke endlich
segelfertig und die Abfahrt von hier auf morgen mittag anberaumt sei. So
angenehm und nützlich uns der seitherige Aufenthalt dahier gewesen, so
verdrießlich und langweilig mußte er für Colonel de Sturler sein, der zwei alte
Übel, worüber seine beiden Vorgänger Hendrik D<ent:oelig/>ff und Jan Cock Blomhoff sich
schon oft beklagt hatten, aufs neue zu bekämpfen hatte, einmal die
Hofreisebarke, das andere Mal unsere Verpflegung, zwei Übelstände, wovon einer
den andern verschlimmerte. Die Barke wird nämlich jederzeit zu klein und
unbequem befunden, und der Gesandte dringt daher auf Verbesserung, was
natürlich Aufenthalt verursacht. So gehen die drei gastfreien Tage herum, und
wir fangen dann an, unsern Wirten und den Einwohnern der Stadt, die uns
verpflegen müssen, zur Last zu fallen. <cmd name="beginpage" args="{125}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg124">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg125">125</xhtml:a><xhtml:a href="#pg126">&gt;</xhtml:a></arg></cmd></x>

<x>Nachdem wir die Naturalien geordnet und eine Sammlung von Nutz- und Zierpflanzen beim
Kunstgärtner Hakia Isabro für den Garten von Dezima angekauft und nach Nagasaki
abgeschickt hatten, begaben wir uns, Herr Bürger und ich, im Auftrag des
Gesandten an Bord der Barke, um die Kajüte und die Einrichtung der
Schlafzimmerchen zu besichtigen und unser Gutachten darüber abzugeben.</x>

<x>Die Hofreisebarke ist ein gewöhnliches Kauf&GER.nolig;fahrteischiff, Akinaifune, welches für
Rechnung der niederländischen Faktorei gemietet und für die Hofreise eingerichtet
wird. Während der drei Zwischenjahre, wo die Hofreise bloß von japanischen
Beamten gemacht wird, dient sie, oder eine ähnliche, auch diesen, und nach dem
Ablauf jeder Reise darf der Eigentümer das Fahrzeug zum Küstenhandel verwenden.
Diese Hofreisebarke ist nun ein Anlaß zu ewigem Hader<ent:thinsp/>: bald ist sie zu klein
und zu unbequem, bald zu alt und zu schlecht<ent:thinsp/>; es geht eben mit ihr, wie mit
allen Dingen, welche man gemeinschaftlich zu verschiedenen Zwecken benutzt.
Diesmal war sie nicht ungeräumig, aber zu unbequem für 60 bis 70 Menschen, die
sie aufnehmen sollte, wobei noch Raum für eine anständige Wohnung des
Gesandtschaftspersonals und für die vornehmen Japaner gefunden werden mußte.
Die Barke war 15 Ken (1 Ken = 1,8182 Meter) lang und ungefähr 4 Ken breit. Die
Kajüte und das Schlafzimmerchen des Gesandten waren ziemlich geräumig und sehr
niedlich eingerichtet, aber unsere Bequemlichkeit war nicht berücksichtigt, und
die japanischen Beamten <ent:ndash/> die Dolmetscher und Offiziere <ent:ndash/> behalfen sich mit
Kämmerchen, welche kaum Platz für einen Sitz boten. Die Kajüte befindet sich
auf japanischen Fahrzeugen im Vorderteile des Schiffes (es ist dies der
Ehrenplatz), während das Hinterteil, welches offen ist, zur Küche und zu
anderen ökonomischen Zwecken verwendet wird. Auf dem Verdeck war eine
Strohhütte angebracht, worin Matrosen, Bediente und andere untergeordnete
Reisegefährten, unter ihnen der Maler Tojoske und einige unserer Schüler, ihr
Unterkommen suchten. Es herrschte auf dem Schiffe ein ganz aristokratischer
Ton<ent:thinsp/>: ein jeder machte seine Rechte und Ansprüche geltend und suchte nach Rang
und Titel einen Sitzplatz im Zwischendeck zu erhalten. An einen bequemen
Schlafplatz konnten die geringeren Leute überhaupt nicht denken.</x>

<x>Am Abend erhielten der Gesandte und wir einen Besuch von dem Leibarzt des Fürsten
von Futsiu, demselben, welcher 1822 Herrn Cock Blomhoff besucht hatte. Damals
war in seiner Gesellschaft eine junge schöne Favoritin des Fürsten mit einigen
andern Damen, deren Liebenswürdigkeit Blomhoff und seine Gefährten nicht genug
rühmen konnten. Diesmal brachte er einige sieche Höf&GER.nolig;linge mit und schenkte uns
einen Hasen (Lepus brachyurus) und Zwerghühner. Futsiu (auch Tsj<ent:omacr/>fu genannt)
liegt zwei Ri von hier. Es ist eine Stadt von zehn Straßen (matsi) und die
Residenz des Fürsten M<ent:omacr/>ri Motojosi, eines Verwandten des regierenden Fürsten
von Nagato und Suw<ent:omacr/>.</x>

<x>Wir beschenkten den Archiater mit einigen neuen Medikamenten und einem Büchlein,
worin die von uns in Japan aufgefundenen, in der europäischen Schule
gebräuchlichen Medizinalpflanzen, oder deren Surrogate, und einige
neueingeführte Heilmittel verzeichnet und beschrieben sind. Das Büchlein,
welches den Titel führt Jak bin-w<ent:omacr/>-siu-roku, Bündiges Verzeichnis der
Medikamente, war von unserm Schüler Ko Rosai aus Awa ins Japanische übersetzt,
mit einer Vorrede begleitet und für unsere Rechnung zu <ent:Omacr/>saka gedruckt worden.
Wir haben davon mehrere hundert Exemplare ausgeteilt in der Absicht, die
Aufmerksamkeit der Ärzte sowohl auf wirksame <cmd name="beginpage" args="{126}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg125">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg126">126</xhtml:a><xhtml:a href="#pg127">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> auch in Japan
einheimische Medizinalpflanzen, als auf einige bis dahin wenig oder gar nicht
bekannte fremde Arzeneimittel zu lenken und letztere in den Handel zu bringen.
Es befand sich darunter z.<ent:thinsp/>B. die Rinde der Alyxia Reinwardti, welche man auf
Java als Mittel gegen Fieber und Durchfälle anwendet, und die wohl einen guten
Ausfuhrartikel abgeben könnte, ferner Fingerhut (Digitalis), Squilla,
Belladonna und Hyosciamus, welche Arzeneimittel vor uns auf Japan noch
unbekannt waren. Aber auch Arrak, Cajaputöl und Kaffee waren in unserm
Traktätchen nicht vergessen<ent:thinsp/>; auf die Heilkräfte des Kaffees machten wir
besonders aufmerksam.</x>

<x>Es ist in der That zu verwundern, daß bei den Japanern, welche nur warme Getränke
gebrauchen und geselliges Zusammenleben so sehr lieben, der Kaffee noch nicht
in Aufnahme gekommen ist, obgleich sie seit länger als zwei Jahrhunderten mit
den ersten Kaffeehändlern der Welt verkehren. Und doch trinken dieselben in
unserer Gesellschaft gerne Kaffee, und einige Pikol reichen im Jahre nicht hin,
die Nachfrage um geröstete Kaffeebohnen seitens unserer Bekannten zu Nagasaki
zu befriedigen. Es lohnte sich der Mühe, einer so großen Bevölkerung die kleine
Untugend des Kaffeetrinkens beizubringen, und nach unserem Ermessen gehört
dieses nicht ins Gebiet des Unmöglichen, wenn man nur den rechten Weg
einschlägt und planmäßig dabei zu Werke geht. Das beste Mittel wäre die
Anpreisung, daß der Kaffee das Leben verlängert <ent:ndash/> und in einem Lande wie Japan
kann derselbe füglich auch als Gesundheitsmittel empfohlen werden. Dabei kommen
aber zwei Umstände, welche ihm den Eingang erschweren werden, in Betracht:
einmal der den Japanern gleichsam angeborne Abscheu vor Milch, sodann das
Brennen der Kaffeebohnen. Milch trinken verstößt gegen ein buddhistisches
Gebot<ent:thinsp/>; denn Milch hält man für weißes Blut, Blut vergießen aber und gar Blut
trinken für Sünde. Dann geschieht es oft, daß aus Unkunde die Kaffeebohnen
verbrannt werden, und mit dem Geschmacke des angepriesenen Getränkes dann auch
seine Reputation verloren geht. Doch dafür möchte es Rat und Mittel geben. Wir
haben einstweilen den Kaffee anempfohlen, es müßte nur die
Niederländisch-Indische Regierung jährlich einige tausend Pfund Kaffee
hinsenden, gebrannt, gemahlen und in hübsche Büchsen oder Flaschen verpackt und
mit einer Etikette versehen, welche zweckmäßige Vorschriften über Zubereitung
und Gebrauch enthielte. Hoc erat in votis<ent:thinsp/>!</x>



<cmd name="subsubsection"><arg>1. März</arg></cmd> 

<x>Auf heute ist unsere Abreise von hier festgesetzt. Mit frühem Morgen
kommen unsere Schüler und Bekannten, Abschied zu nehmen. Zu dem frühzeitigen
Besuche veranlaßte sie diesmal auch etwas persönliches Interesse. Hatten sie
ihren Meister und Freund nach Landessitte mit Geschenken bewillkommt, so war
nun an ihm die Reihe, beim Abschiede Gegengeschenke zu geben. Darauf waren wir
denn auch ganz vorbereitet, und jeder erhielt eine ebenso anständige wie
nützliche Gabe. Arzeneien, Medizinflaschen, holländische Bücher und
chirurgische Instrumente wurden unter die Ärzte verteilt, und Bijouterien,
Glaswaren, Stückchen vom sogenannten Goldleder u.<ent:thinsp/>dgl. unter die übrigen Bekannten,
wobei wir die liebenswürdigen Familien der beiden Gastherren sowie unser
Patchen gut bedachten<ent:thinsp/>; ferner wurde jedem von den Verfassern der obenerwähnten
Abhandlungen ein besonderes Geschenk feierlich überreicht, und den neuen
Kandidaten, die sich um ein Diplom bewarben, mehrere Themata zur Bearbeitung
aufgegeben. Dergleichen Handlungen bestrebten wir uns stets mit Würde und
Feierlichkeit zu begehen und dabei ein kräftiges Wort für Herz und Geist zu
sprechen. K<ent:omacr/>sai erhielt geheime Aufträge auch von uns, unter andern <cmd name="beginpage" args="{127}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg126">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg127">127</xhtml:a><xhtml:a href="#pg128">&gt;</xhtml:a></arg></cmd>
den, ein Geldgeschenk dem Oberpriester des Amidatempels zu überbringen, um von
diesem die Erlaubnis zu erwirken, ein Votivbild zum Andenken des
Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien, Baron van der Capellen, dessen
gefeierten Namen wir der Straße beigelegt hatten, 
aufzunehmen.<cmd name="fntextref" args="{6}"><arg type="xml"><xhtml:a id="FNmark6" href="#FNtext6">(6)</xhtml:a></arg></cmd> 
Bereits tags
zuvor hatten wir an Herrn de Villeneuve nach Dezima geschrieben und ihm eine
Skizze des Bildes zugeschickt mit dem Auftrage, dafür zu sorgen, daß es bei
unserer Rückreise in Simonoseki bereitliege. Das Dokument oder angebliche
Votivbild, auf Pergament geschrieben und mit dem Wappen des Barons van der
Capellen versehen, sollte folgende Inschrift enthalten:</x>

<env name="verse">
	H i e r  d e  S t r a a t  v a n  d e r  C a p e l l e n.<cmd name="\"/>
	<cmd name="bigskip"/>
	<grp name="uishape">
	Transitus Illius nomen, mandata videndi<cmd name="\"/>
	Hanc terram nobis qui dedit alma, ferat.<cmd name="\"/>
	</grp>
	<cmd name="medskip"/>
	Amidazi, den 24 Februarij 1826<cmd name="\"/>
	<cmd name="emph"><arg>Het Gesandschap naar het Keizerlijk Hof de Jedo.</arg></cmd>
</env>


<x>Van den Berg war gleichfalls ins Geheimnis gezogen worden und versprach uns seine
Fürsprache bei dem Bonzen. Auch er bewahrte in seinem Hause interessante
Dokumente von seinen Freunden, den Holländern, worunter auch ein von Cock
Blomhoff auf den Fürsten von Nakatsu verfaßtes Gedicht, nebst einem von dem
Fürsten höchsteigenhändig in holländischer Sprache geschriebenen Epigramm.</x>

<x>Wir haben dieses hohen Gönners der Holländer bereits erwähnt. Das Gedicht Cock
Blomhoffs verdient der Vergessenheit entzogen zu werden<ent:thinsp/>; denn es zeugt von dem
Sinne eines japanischen Fürsten für europäische Wissenschaft und von der
lobenswerten Anregung dazu von seiten Blomhoffs, der auf seinen beiden Reisen
als Gesandter nach dem Hofe des Sj<ent:omacr/>gun, 1818 und 1822, unverlöschliche Spuren
vornehmer Gesinnung und der Freigiebigkeit zur Ehre der Nation, die er vertrat,
zurückgelassen hat. Wir lassen das Gedicht im Originale mit einer nach Form und
Inhalt möglichst treuen Übersetzung<ent:thinsp/><cmd name="fntextref" args="{7}"><arg type="xml"><xhtml:a id="FNmark7" href="#FNtext6">(7)</xhtml:a></arg></cmd> folgen.</x>

<env name="center">
	O p d r a g t  a a n  Z. H.  F r e d e r i k  H e n d r i k,<cmd name="\"/>
	<cmd name="smallskip"/>
	Vorst van Nakatsu, door den ondergeteekenden op zijne doorreize<cmd name="\"/>
	als Gezant aan het Keizerlijk Hof.
</env>
<env name="verse">
	<grp name="uishape">
	Hoe trof mijn hart die schoone zuivere tal<ent:thinsp/>!<cmd name="\"/>
	Als ik, mijn friend<ent:thinsp/>! Uw Land ten tweede maal <cmd name="beginpage" args="{128}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg127">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg128">128</xhtml:a><xhtml:a href="#pg129">&gt;</xhtml:a></arg></cmd><cmd name="\"/>
	Betrad<ent:thinsp/>; geuit in digtmaat, door Uw eigen hand geschreven,<cmd name="\"/>
	Bewijst, hoe gij mijn Vorst, in <ent:rsquo/>t Hollands zijt bedreven.<cmd name="\"/>
	Hoe gij vermaak schept in al <ent:rsquo/>t geen mijn Landaart is gewoon<cmd name="\"/>
	Te dragen en te doen, toont aan Uw smaak en een gevoel zoo schoon<ent:thinsp/>!<cmd name="\"/>
	Daar weinig voorbeelden, ergens van zijn te vinden,<cmd name="\"/>
	Gaat, bid ik, hierin voort, met d<ent:rsquo/>overige vrienden,<cmd name="\"/>
	Dat niets die zugt, voor al wat Hollands is, in Uw verdooft,<cmd name="\"/>
	Dit hoopt, dit wenscht gestaag<ent:thinsp/>! het Hollandsch Opperhoofd
	</grp><cmd name="\"/>
	<cmd name="medskip"/>
	Simonoseki den 28 Februarij 1822<cmd name="\"/>
	J. Cock Blomhoff, <grp name="footnotesize">Ridder van de Orde van den Nederlandschen Leeuw.</grp>
</env>


<x>Kurz, bündig und treffend ist das Epigramm, worin der Fürst seine gute Gesinnung
gegen die Holländer ausspricht.</x>

<env name="verse">
	<grp name="uishape">
	Ik ben een van de menschen<cmd name="\"/>
	Die den bloei van Hollands Handel wenschen.<cmd name="\"/>
	</grp>
	<cmd name="medskip"/>
	Prins Frederik Hendrik, <grp name="footnotesize">Vorst van Nakatsu.</grp>
</env>


<x>Gegen Mittag waren wir reisefertig, nahmen noch einmal die Sonnenhöhe und begaben uns
in Begleitung der beiden Gastherren, unserer Schüler und Bekannten an Bord der
Barke, welche dicht vor der Treppe unseres Gasthofes, da wo die holländische
Flagge wehte, vor Anker lag.</x>

<x>Wir wollen noch einen Blick auf die Stadt werfen, ehe wir die Anker lichten.
Simonoseki, d.<ent:thinsp/>i. die untere Barrière, ehemals Akamaga-seki, d.<ent:thinsp/>i. Barrière der
roten Strecke, liegt auf der südlichsten Spitze der großen Insel Nippon im
Fürstentum Nagato und in dessen Bezirke Toj<ent:omacr/>ra unter 33<ent:deg/> 36' 30'' n.<ent:thinsp/>B. und
130<ent:deg/> 52' 15'' ö.<ent:thinsp/>L. von Greenw. Eine niedrige Hügelreihe, deren
Nordbegrenzung ähnliche Übergangs-Schiefergebirge wie auf der Route von Itsuka
nach Kokura bilden, zieht sich bis in die Stadt hinein, welche durch das
Flüßchen Mimosuso-gawa gleichsam in zwei Bezirke, in die alte und die neue
Stadt, geteilt wird. Eine cyklopische Mauer, welche sich längs dem Strande
hinzieht, bildet den Kai, zu dem zahlreiche Steintreppen führen. Ähnliche
Mauern erheben sich terrassenweise an den Hügeln, auf welchen die massiven,
geschweiften Tempeldächer und die zierlichen rotbemalten Kamikapellen unter
alten immergrünen Bäumen hervorragen und einen imposanten Anblick gewähren. Von
der See bespült, breitet sich die Stadt, die im Osten gelegenen Tempelhöfe und
die Vorstadt Takesaki und das Dorf Imaura mitgerechnet, über zwei Ri lang aus
und wird vom Ost- bis zum Westende von einer Hauptstraße durchschnitten, von
der aus mehrere Nebengassen und Wege nach den Tempeln und Kamihöfen und ins
Freie führen. Die Hauptstraße ist in zehn Quartiere (matsi) verteilt, welche
nachstehende Namen führen<ent:thinsp/>: Amidazi-matsi, die Amidatempelstraße,
Sotohama-matsi, Nakano-matsi, Akama-matsi, die beiden Nabe-matsi, die östliche
und die westliche, die Irije-matsi, die östliche und westliche Hojose-matsi und
die Buzenda-matsi, welche nach Takesaki und Imaüra führt. Über den
Mimosuso-gawa führt eine Steinbrücke, Nisinobasi, die Westbrücke genannt, und
im Westende der Stadt führen noch zwei andere Brücken über die mit Gerölle
bedeckten Bette zweier Wildbäche, die sich bei dem Vorsprunge Kwanwonsaki und
Irijehana in die See stürzen. Die Bucht von Kwanwonsaki und namentlich die von
Irijehana sind gute Ankerplätze, ebenso die Bucht <cmd name="beginpage" args="{129}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg128">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg129">129</xhtml:a><xhtml:a href="#pg130">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> oberhalb Kamajama.
Unter den kleinern Straßen sind zu bemerken Inari-matsi, welche nach der
Fuchskapelle und den Häusern der Freudenmädchen, die Ura- und Tanaka-matsi,
welche nach dem Komödienhause (Sibaï), und die W<ent:omacr/>zi- und Sanbjakme-matsi,
welche nach dem Tempel gleichen Namens führt. Mit Ausnahme der beiden
Stadtenden, wo viele mit Stroh gedeckte Fischer- und Bauernhütten stehen, sieht
man zu beiden Seiten der Hauptstraße hübsche Wohnungen und viele Kauf&GER.nolig;läden und
Theehäuser. Auch sind einige ansehnliche Gebäude, die Gasthöfe und Wohnungen
der beiden Bürgermeister, das Janagawa-jasiki und andere Comptoirs von Fürsten
und Kauf&GER.nolig;leuten bemerkenswert. Aber die Zierde der Stadt sind die herrlichen
Tempel und Kamihallen, wovon wir leider<ent:thinsp/>! nur wenige besuchten.</x>

<x>Die vorzüglichsten Tempel und Kamihöfe sind, und zwar im Ostende und in der alten
Stadt<ent:thinsp/>:</x> 

<env name="enumerate">
	<grp name="item" bg=" " eg=" ">Amidazi, der Tempel des Amida<ent:thinsp/>;</grp>
	<grp name="item" bg=" " eg=" ">Kokurakuzi, der Tempel der höchsten Wonne<ent:thinsp/>;</grp>
	<grp name="item" bg=" " eg=" ">Zinguzi mit der Kapelle des Hatsiman, dem Mikado W<ent:omacr/>zin, seinem Vater Tsiuai und seiner Mutter Zingu geweiht<ent:thinsp/>;</grp>
	<grp name="item" bg=" " eg=" ">die Inari-Kapelle, und</grp>
	<grp name="item" bg=" " eg=" ">Kj<ent:omacr/>hozi, der Tempel der hl. Satzungen.</grp>
</env>

<x>Im Westende<ent:thinsp/>: Dairikuzi, der Tempel des großen
Ufers, Jukokzi, Kw<ent:omacr/>mj<ent:omacr/>zi, Tempel zum glänzenden Lichte, den man gewöhnlich
Sanbjakme, d.<ent:thinsp/>i. dreihundert Augen, nennt<ent:thinsp/>; der Tempel des ewigen Heils
(Jeifukzi), der T<ent:omacr/>k<ent:omacr/>zi und Fukuzenzi.</x>

<x>Simonoseki ist einer der blühendsten kleineren Seehäfen in Japan und der Hauptsitz des
Binnenhandels der Fürstentümer Nagato und Suw<ent:omacr/> mit der Insel Kiusiu, ein sehr
besuchter und lebhafter Ort. Einer zuverlässigen Notiz zufolge, die wir von
unsern dortigen Freunden erhielten, zählte die Stadt (1826) 1890 Häuser, und
die Zahl der gesamten Bevölkerung belief sich auf 5140 Personen, worunter 2860
männlichen und 2340 weiblichen Geschlechts. Das Mißverhältnis in der Zahl der
weiblichen zur männlichen Bevölkerung läßt sich durch die Menge Freudenmädchen,
die hier zu Hause sind und bei der Schätzung nicht in Anschlag kommen,
erklären. Diese Geschöpfe stehen, wie ungereimt es auch in unsern Ohren klingen
mag, hier in besonderem Ansehen. Man schreibt nämlich die Entstehung der
öffentlichen Häuser in Japan jener unglücklichen Schlacht bei Danoura zu, nach
welcher die zu Dairi und Akamagaseki zurückgebliebenen Hofdamen und
Edelfräulein aus dem Heike-Geschlechte sich auf keine andere Weise zu retten
und ihren Lebensunterhalt zu gewinnen wußten, als sich den Siegern auf
Diskretion zu übergeben. Daher genießen auch die Freudenmädchen zu Simonoseki
bis auf den heutigen Tag das Vorrecht, sich Jar<ent:omacr/>, d.<ent:thinsp/>i. soviel als schönes
Fräulein, nennen zu dürfen.</x>

<x>Der Handel ist hier sehr lebhaft, namentlich der Kleinhandel mit Lebensmitteln und
Reisebedürfnissen<ent:thinsp/>; denn man kann im Durchschnitte auf 150 größere und kleinere
Fahrzeuge rechnen, welche täglich bei gutem Wind und Wetter hier einlaufen.</x>

<x>Die beiden sehr fruchtbaren Länder Nagato und Suw<ent:omacr/> liefern Reis, Weizen und
Buchweizen von vorzüglicher Güte, und im Städtchen selbst werden allgemein
gesuchte Böttcher- und Steinarbeiten verfertigt. Die hölzernen Gefäße, als
Gelten, Schachteln u.<ent:thinsp/>dgl. werden vom schönen Holze des Sonnenbaumes, Hinoki
(Retinospora obtusa) verfertigt und werden nach allen Landschaften, selbst bis
nach Batavia verschickt. Aus einem quarzigen Thonschiefer, der in dem nahen
Thonschiefergebirge gebrochen wird und so stark von Eisenoxyd imprägniert ist,
daß er eine braunrote Farbe hat, verfertigt man, nach Art der chinesischen
Specksteinarbeiten, Tuschsteine, Reibschalen und viele andere kleine Geräte und
Kunstsachen, welche allgemein in Japan beliebt <cmd name="beginpage" args="{130}"><arg type="xml"><xhtml:a href="#pg129">&lt;</xhtml:a><xhtml:a id="pg130">130</xhtml:a><xhtml:a href="SieboldN124.xml#pg131">&gt;</xhtml:a></arg></cmd> und in unsern Sammlungen
als Muster der Geschicklichkeit und des Fleißes japanischer Bildhauer in hohem
Grade bewundert werden. Die Preise solcher Arbeiten sind übrigens
verhältnismäßig sehr hoch, und man bezahlt Steine zum Anreiben der Tusche mit
einem und sogar mehreren Kobans.</x>




<cmd name="subsection*"><arg>Anmerkungen</arg></cmd>

<x/> <!-- for indentation of next/1st paragraph -->

<x><cmd name="indent"/><cmd name="fnmarkref" args="{1}"><arg type="xml"><xhtml:a id="FNtext1" href="#FNmark1">(1)</xhtml:a></arg></cmd>
Taiko Hidejosi. Eigentlicher Name Hidejosi (Taiko ist eine Rangbezeichnung); er
gehört zu den militärischen Regenten Japans, welche die Stellung des legitimen
Kaisers (Mikado) zu einem Schatten herabdrückten (1594<ent:ndash/>1634). Von niedriger
Herkunft gelang es ihm bis zur Würde eines Kwanbaku oder Reichskanzlers
emporzusteigen<ent:thinsp/>; er veranlaßte den bekannten Feldzug gegen Korea und dessen
Schutzmacht China. Note z. 2. Auf&GER.nolig;l.</x>

<x><cmd name="fnmarkref" args="{2}"><arg type="xml"><xhtml:a id="FNtext2" href="#FNmark2">(2)</xhtml:a></arg></cmd>
Also genannt zu Ehren des General-Gouverneurs von Niederl. Indien Baron van der
Capellen, unter dessen Verwaltung Ph. Fr. von Siebold zur Erforschung von Japan
entsandt wurde. Note z. 2. Auf&GER.nolig;l.</x>

<x><cmd name="fnmarkref" args="{3}"><arg type="xml"><xhtml:a id="FNtext3" href="#FNmark3">(3)</xhtml:a></arg></cmd>
Selbstverständlich vor 1868 geschrieben, wo nach dem Sturze des Sj<ent:omacr/>gunats die
Restauration der kaiserlichen Dynastie erfolgte, durch welche Japan seiner
jetzigen Entwickelung entgegengeführt wurde. (Note zur 2. Auf&GER.nolig;l.)</x>

<x><cmd name="fnmarkref" args="{4}"><arg type="xml"><xhtml:a id="FNtext4" href="#FNmark4">(4)</xhtml:a></arg></cmd>
Nach den neuesten Bestimmungen des Kaiserl. Japan. Stat. Bureau ist ein Tsj<ent:omacr/>,
jetzt tch<ent:omacr/> geschrieben, 109,09 Meter.</x>

<x><cmd name="fnmarkref" args="{5}"><arg type="xml"><xhtml:a id="FNtext5" href="#FNmark5">(5)</xhtml:a></arg></cmd>
Nach der Berechnung des kaiserl. statist. Amts wird jetzt der Dsj<ent:omacr/> [jio
geschrieben] zu 3,0303 Meter berechnet. Note zur 2. Auf&GER.nolig;l.</x>

<x><cmd name="fnmarkref" args="{6}"><arg type="xml"><xhtml:a id="FNtext6" href="#FNmark6">(6)</xhtml:a></arg></cmd>
Moderne Geographen haben leider diesen Namen nicht beibehalten. Die Straße wird
jetzt meistens Straße von Simonoseki genannt. Anmerk. z. 2. Auf&GER.nolig;l.</x>

<x><cmd name="fnmarkref" args="{7}"><arg type="xml"><xhtml:a id="FNtext7" href="#FNmark7">(7)</xhtml:a></arg></cmd>
Übersetzung<ent:thinsp/>: 
<env name="verse">
	<grp name="uishape">
	Wie traf mein Herz die schöne reine Sprache,<cmd name="\"/>
	Als ich, mein Freund, Dein Land zum zweitenmale<cmd name="\"/>
	Betrat. In Vers gefaßt, von Deiner Hand geschrieben,<cmd name="\"/>
	Zeigt sie, wie Du, mein Fürst, in Hollands Sprach<ent:rsquo/> erfahren,<cmd name="\"/>
	Wie Dir Vergnügen bringt, was man bei mir zu Lande<cmd name="\"/>
	Gewöhnlich trägt und thut<ent:thinsp/>; sie zeigt Geschmack und ein Gefühl so schön<ent:thinsp/>!<cmd name="\"/>
	Daß seines gleichen kaum wo anders mag bestehn.<cmd name="\"/>
	Fahr, bitt<ent:rsquo/> ich, hierin fort, mit allen sonst<ent:rsquo/>gen Freunden<ent:thinsp/>!<cmd name="\"/>
	Daß nichts die Sucht nach dem, was Hollands Brauch ist, Dir entraubt,<cmd name="\"/>
	Dies hofft, dies wünscht stets das holländ<ent:rsquo/>sche Oberhaupt
	</grp> usw.
</env>
</x>


</x><!-- document -->

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<cmd name="hrule"/>
<cmd name="bigskip"/>
<cmd name="centerline"><arg><cmd name="textsf"><arg><xhtml:span id="rvbar">* * *</xhtml:span></arg></cmd></arg></cmd>
<cmd name="smallskip"/>
<cmd name="centerline"><arg><cmd name="textsf"><arg>Copyleft <xhtml:a id="GNUfdl">&#169;</xhtml:a>|<xhtml:a id="CCncsa">&#169;</xhtml:a> 2004 ff. <xhtml:a href="javascript:mailVOID();" id="ORid">Oliver Rost</xhtml:a>, Dortmund; <xhtml:a href="javascript:mailVOID()" id="SUid">Stefan Unterstein</xhtml:a>, München</arg></cmd></arg></cmd>
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